Ergebung! Nein, danach stand ihr bei Gott nicht der Sinn. Es mochte wohl ein weiches Kissen sein, auf das man sich hinlegt, und die Schmerzen und Stöße und den Jammer um die eignen kleinen Kinder besser erträgt. Es mochte wohl ein Helfer sein, der dies Kissen unterschob, der die wilden Klagen zu bändigen verstand.

Dafür war der Pastor Baumann allezeit gut. Er war selber schon alt und schwach, und wenn sein Leben auch arm an Ereignissen und großen Eindrücken gewesen war, so hatte es ihn doch reich und reif gemacht. Da legt man der armen Kreatur seine Hand auf und sagt: »Glaube nur und ergib Dich. Die Liebe ist größer als alle Not.«

Für Fritzchen Dörfflin aber war diese erste und letzte Weisheit nichts. Der alte Pastor war vor einer Stunde hier gewesen, er hatte anders geredet und gehandelt als das törichte, wilde Kind. Ein Gefäß mit Balsam hatte er stehen lassen, aber sie warf es mit trotziger Hand um.

»Ja, Hede Marusch, es ist ein verzweifelter Jammer um Dich und Deinesgleichen! Ich will ja ein Auge auf die Kinder haben, wenn Du tot bist, aber wieviel hilft das? Ich bin nicht allmächtig und allgegenwärtig, und ich habe auch nicht viel Geld. Es ist ja auch noch viel andere Not im Dorf, nicht Deine allein. Was ist das für eine Ordnung in dieser Welt.«

»O Gott, gnädiges Fräulein«, sagte die alte Maruschen, die herangehumpelt kam. »Machen Sie doch man die Hede nicht wieder aufsätzig. Heute abend soll sie noch das Abendmahl kriegen. Ach Gott, ach Gott, war haben's ja sauer, aber wir sollen uns doch man ergeben. Was hilft das Murren? Und stirbt sie unbußfertig, so fährt sie in die Hölle. Gnädiges Fräulein sind noch jung und schön, aber wir Alten müssen das bedenken.«

»Das ist feige!« sagte das herrische, junge Menschenkind und richtete sich mit blitzenden Augen auf. »Aus Angst sich vor dem Mächtigen ducken! Maruschen, ich sag' Euch: Ich möchte lieber in die Hölle, als mich schlagen lassen und noch dazu Demut heucheln!«

»O Gott, gnädiges Fräulein!«

»Jawohl, Mutter, Fräulein Fritzchen hat am End' wohl recht! Ich will auch nicht heucheln und schön tun. Schick zum Pastor, bestell' ihn ab. Ich will lieber zur Hölle, ich will's nicht gut haben, wenn Wilhelm und Mariek und die beiden Lütten es schlecht kriegen –«

Sie saß hochauf, ihr fieberisches Gesicht stand in Flammen, die schwarzen Haare hingen ihr wirr um Kopf und Schultern, die schwarzen Augen brannten. Sie war von einer schauerlichen, jung-hexenhaften Schönheit. Fritzchen stand und sah auf ihr Werk, ein Beben durchglitt sie. Sie sagte nichts.

Aber die Alte jammerte: »Hede! Hede!« und die beiden Kinder fingen laut zu heulen an.