»Heult nicht!« sagte Frida v. Dörfflin mit starker Stimme.
Sie sah sich in dem niedrigen bedrückten Raum um, in dem einem das Atmen verging, und in dem das Elend hauste. Es würde noch viel nackter hausen, wenn der fiebernde Leib dort hinten an der Wand starr und kalt sein würde.
Gebt mir erst eine Auflösung zu diesen grausigen Rätseln, und ich will Euch auch Ergebung predigen! dachte das trotzige Herz.
Sie hat recht, daß sie unter diesen Bedingungen nicht in den Himmel will!
Frida kam wieder dicht an das Bett. »Hede«, sagte sie, »ich habe Achtung vor Dir, Du arme Seele! Andre Leute werden sagen, Du frevelst, aber ich sage, Du hast einen großen Mut. Dicht vor dem Tode Rebellion zu machen, das ist tapfer! Wie es Dir bezahlt werden wird, weiß ich nicht. Vielleicht bekommst Du wieder Angst, das ist wohl nicht zu vermeiden. Aber das soll nichts daran ändern, daß ich Dir hier die Hand gegeben habe, Hede.«
Die Kranke faßte mit beiden Händen nach der Mädchenhand, die sich ihr bot. Ihr abgezehrtes Gesicht glühte unheimlich.
»Ich krieg' keine Angst, Fräulein Fritzchen. Nun ist alles gut. Ich glaub' auch, daß nach dem Tod alles aus ist. Otto sagt's auch immer. Es wird mir schon nichts passieren. Mir ist so leicht, daß ich nu nicht immer mehr beten brauch', während die Lütten doch in Jammer geraten.«
»O Gott, Hede, Hede, besinn' Dich!« jammerte die alte Frau. »Es geht zu Ende mit Dir! O Gott, gnädiges Fräulein, erbarmen Sie sich!«
»Ich kann mich nicht erbarmen«, sagte Fritzchen.
Draußen fuhr eine Kutsche vorüber, man erkannte sie nicht durch die beschlagenen Scheiben. Ein regenschwerer Oktobertag war es. Sonst stürzte alt und jung an die Fenster, wenn ein fremder Wagen vorüberfuhr, heute wendete kaum das Jüngste der Kinder halb mechanisch das verweinte Gesicht.