»Fräulein Fritzchen, verlassen Sie mich nicht«, schrie Hede qualvoll auf, als das Mädchen eine Bewegung machte. »Nee, nee, allein bleiben kann ich nicht! Ich muß die Hand von Fräulein haben, sonst fall' ich. Nee, nee, hierbleiben müssen Sie –«
Das waren ihre letzten bewußten Worte, von da ab verfiel sie ins Delirium.
Das Schloßkind vom Lande hatte schon vieles sterben sehen, Mensch und Tier, und manches davon hatte sie sehr lieb gehabt. Keine sorgende Mutter hatte hinter ihr gestanden, und sie von den schreckensvollen und traurigen Bildern des Lebens ferngehalten. Aber noch nie hatte sie gesessen wie heute, mit ihrem kindischen Trotz, mit ihrem tollen Wagemut, der gegen das Ewige, Unerfaßliche anrennt, als einziger Halt und Hort der geängstigten fliehenden Seele.
Die heißen feuchten Finger der Sterbenden krallten sich in ihre Hand. Wirre Worte von Teufeln, Höllenfeuer, von Spuk und Entsetzen schwirrten durch den Raum. Die Alte lag am Boden und betete, bald zu Gott, bald zu dem Schloßfräulein.
»Ach, süßestes, gnädigstes Fräulein, helfen Sie ihr doch – helfen Sie ihr doch – erbarmen Sie sich.«
Fritzchen legte der Irren die Hand auf die Stirn, sprach auf sie ein, aber das Delirium ging weiter, die verkrallten, heißen Finger ließen sie los, Hede Marusch wußte von ihrer Gegenwart nichts mehr.
Da stand Fritzchen auf. »Ich will Euch zum Trost den Pastor holen«, sagte sie. »Er kann vielleicht auch der Hede noch helfen. Er hat ein paar Beruhigungsmittel in seiner Apotheke.«
»Lebe wohl, meine arme Hede!«
Sie stolperte durch den halbdunklen, lehmgestampften Hausflur, in dem Kraut und Kartoffeln lagen, und stand draußen. Es regnete jetzt nicht. Still, tot und feuchtschwer war die Luft. Auf der Dorfstraße lag das letzte nasse Laub.
Fritzchen trug einen kurzen Rock, in dem sie gewöhnlich zu Pferde saß, ein rundes Mützchen und eine alte braune Jacke. Ihre Wangen glühten, ihr war, als habe sie mit dem Gott da droben um eine arme Seele gerungen und habe obgesiegt.