»Was nun aus ihr wird? Gleichviel. In den Himmel wäre sie sowieso nicht gekommen mit ihrer elenden Heuchelei.«

Sie ging die öde Straße entlang zwischen den kleinen Häusern und bog um die Gartenecke, hinter der das Pfarrhaus lag. Hier hörte der holprige Steindamm auf. Im aufgeweichten Wege vor dem Gattertor hielt eine Kutsche. Sie mußte erst zweimal hinsehen, ehe sie begriff: es war Rummelshöfer Livree, es waren die Rummelshöfer Rappen.

Sie erblaßte vor Schreck. Wer war hier? Jetzt, zu dieser Jahreszeit, und bei dem Pastor? – Der Kutscher grüßte sie, sie brachte die Frage nicht heraus, die ihr in der Kehle würgte. Einen Moment riß es an ihr, umzukehren und davonzulaufen, sie fühlte sich plötzlich so unfähig, ein Gesicht und vielleicht gar das eine, aus diesem Hause zu sehen. Ihre ganze am Sterbebett gerüttelte und durchglühte Stimmung paßte jetzt nicht zu solchem neuen Eindruck.

In einem Gefühl der Schwäche und Abwehr lehnte sie sich an die Gartenmauer. Von den Zweigen fielen ein paar naßkalte Tropfen in ihr Gesicht. Sie dachte an Hede Marusch. »Ich muß die Arznei holen«, sie straffte sich, öffnete das Holzpförtchen, ging durch den kleinen zerzausten Vorgarten und ins Haus.

Seit einiger Zeit hatte Pastor Baumann die große Kuhschelle, die an der Haustür hing und ohrenzerreißend gellte, sobald jemand die Schwelle betrat, abnehmen lassen. Er war hinfälliger geworden und konnte den Lärm nicht mehr vertragen. Fritzchen wußte das noch nicht. Als der Lärm ausblieb, wurde ihr unheimlich, fast gespensterhaft zu Mute. Sie fürchtete sich vor dem Hall der eigenen Schritte. Auf Fußspitzen schlich sie und klopfte an.

»Noch nicht«, sagte des Pastors Stimme drinnen. »Setz' Dich auf einen Stuhl und warte ein Weilchen.« Er glaubte wohl, es sei ein Gemeindekind.

Aber dem Schloßfräulein kam diese Verwechslung recht. Sie setzte sich auf einen Brettstuhl, unweit der Tür, strich das nasse, wirre Haar glatt und wartete.

Drin klangen Stimmen. Die eine, das war die von Herrn Gregor.

Es berührte sie kaum. Ihr war, als habe sie das erwartet, als könne es auf der Welt überhaupt nicht anders sein, als daß draußen die Rummelshöfer Kutsche stände, sie hier auf dem Brettstuhl säße und drinnen Gregor sprach.

Wie lange? Ja, wer konnte das wissen. Frida Dörfflin wenigstens hatte jeden Maßstab für die Zeit verloren. Es war ja das Schönste im ganzen Leben so: still dazusitzen, müde, halb im Traum und dem Hall der Stimme zu lauschen, die die herrlichste auf der ganzen Erde war. – –