Die Kutsche fuhr in die Rummelshöfer Einfahrt. Der alte Brunswig, der Diener, stand draußen. »Der Herr Baron möchten doch gleich zur Frau Baronin kommen.«
»Ja, ja, ich weiß.«
Er war erst heute morgen nach nächtlicher Eisenbahnfahrt hier angekommen und hatte sich dann gleich den Wagen nach Hohen-Leucken bestellt.
Nun kam wieder eine bittere Pille, die Aussprache mit der Mutter. Ihm graute davor.
In ihrem Zimmer, das von hundert Erinnerungen und leisen Huldigungen für ihren vergötterten Sohn voll war, erwartete sie ihn. Auf dem Schreibtisch lag – vielleicht absichtlich? – noch die Depesche, in der er vor etwa acht Wochen ihr seine Ernennung zum Hofprediger mitgeteilt hatte.
Unfähig, auf einem Sitz zu verharren, mit verkrampften Händen, nach Luft ringend, ging Frau v. Zülchow auf und ab, ein entsetzlicher, elender Anblick.
»Gregor! sitze da nicht wie ein Stein. Gib mir Auskunft, Du bist es mir schuldig. Sage mir, warum dies alles, und wie es kam?«
»Laß es Dir von der Welt erzählen, Mutter. Sie weiß es vielleicht besser als ich.«
Da blieb sie stehen, flammenden Gesichts. »O Du! Von der Welt erzählen! Jawohl, an die hast Du mich oft genug verwiesen! Von der Welt und ihrem Geschwätz mußte ich mir Kunde holen über Dich und Dein Leben. Gregor – es war oft zum Wahnsinnigwerden, aber ich habe es getragen. Ich habe meine Liebe nicht anfechten lassen von Bitterkeit und fortwährenden Entsagungsschmerzen. Ich wußte Dich glücklich und nahm still das geringe Teil, das Du für mich abfallen ließest. – Aber das war zur Zeit Deines Glücks und Hochgangs. Jetzt – da plötzlich alles zusammenbricht, da Du kommst und mir sagst: Mit dem Glanz ist es aus, ich werde Pfarrer im Moordorf da drüben – da selbst schiebst Du mich, Deine Mutter, beiseite. Frage die Welt! Gregor, das ist empörend! Hier, ich, ich habe Dich geboren und aufgezogen mit unendlicher Liebe, ich habe Dich auf Händen getragen, verwöhnt, überschüttet – ich habe –«
»Laß das, ich weiß es alles«, sagte Gregor und stand auf. Es war ein gequälter Zug in seinem Gesicht. »Glaubst Du, ich habe nie gesehen, daß ich Dein Schoßkind war? Wir, Deine Söhne, wir wissen es alle beide. Ob es recht oder falsch war, kann und mag ich nicht untersuchen. Darauf kommt es jetzt auch gar nicht an. Hast Du meine Zurückhaltung zu Zeiten meines Glückes ertragen, so sollte doch der Wechsel der Tatsachen nichts daran ändern. Was daran zu wissen ist, weiß alle Welt, wozu es noch erörtern, es macht mich überdrüssig und krank. War in Deiner Liebe ein so fester Grund, daß Du mir vertraust, auch hier meinen und unseren Namen reingehalten zu haben, so wirst Du die guten und die schlechten Gerüchte von selber auseinander halten können. Wenn nicht, so ist diese Liebe ein schwankender Grund und keines Rühmens wert.«