Die Dinge nahmen ihren schleunigen Lauf. Pastor Baumann verabschiedete sich von seiner Gemeinde. »Es ist gut, Kinder, daß ich gehe. Einen zweiten Winter auf Eurem windigen Kirchhof überstände ich wohl nicht mehr. Und ich muß noch ein Weilchen leben bleiben mit meiner Pension und meinen Kindern aushelfen. Es ist ganz gut so. Ihr kriegt einen vornehmen, gelehrten Pfarrherrn. Nehmt Euch die Ehre nur recht zu Herzen und gebt ihm keinen Anlaß zum Tadeln. Die arme Hede Marusch wird wohl die Letzte gewesen sein, die ich unserem allbarmherzigen Vater in die Arme gelegt habe.«
Ihm zitterte die Stimme und das rauhstopplige Kinn nun aber doch, wenn er von Haus zu Haus ging und Abschied nahm. Ein paarmal sah er sich um und schüttelte den Kopf, wie einer, der nicht begreift. Durch diese niedrigen Türen soll der gehen?
»O nee, o nee –« sagten die Leute, »dat ward jawoll nu all verkiehrt!« Sie kamen sich vor wie verraten und verkauft. Mit tausend Tränen ward dem guten alten Pastor, der schon die bejahrten Leute bei ihnen eingesegnet hatte und jedes Leben ein- und ausgeleitet hatte, das Lebewohl gegeben.
Nun war das altvertraute Pfarrhaus unter den entblätterten Ahornen und Lindenbäumen leer. All der klapprige liebe alte Hausrat war auf ein paar Leiterwagen zum Dorf hinausgefahren. Herr v. Dörfflin schickte Maler, Tapezierer, Glaser, viel beflissene Hände, die sich Pastor Baumann in seiner langen Amtszeit auch wohl manch liebes Mal gewünscht hätte. Hier das Loch in der Diele, über das man immer stolperte, dort das schadhafte Dach, in das Regen und Schnee trieb, die abgerissenen Tapeten, die rauchenden Öfen, die schiefe Gartentüre, das zerbrochene Fensterglas im Schlafzimmer, alles ward gründlich repariert. Die verblichenen und abgetretenen Farben wurden erneuert, es roch bis auf die Straße hinaus nach Lack, Terpentin und vielen hoffnungsvollen Dingen. Bis in die tiefe Abenddunkelheit hinein ging das Klopfen, Hämmern und all das vielfältige Geräusch neu aufbauenden Lebens.
Dann kam das Fräulein vom Schloß, Fräulein Fritzchen, und ging durch alle Stuben, in Boden und Keller. Sie trug den kurzen Reitrock, ihr rundes Mützchen und ihre alte braune Jacke. Wie ein Feldherr ging sie von Raum zu Raum, übersah, was noch mangelte, gab knappe Befehle, und alles an ihr war Licht und Klang.
»Paß up!« sagte ein Maurer zum andern. Sie sahen ihr nach und blinzelten sich zu.
– – Nun aber war es schon November geworden, und der erste Schnee war gefallen. Es waren Gregors Möbel gekommen in einem großen geschlossenen Möbelwagen aus der Residenz. Die ganze Dorfbewohnerschaft hatte sie staunend umstanden. Dann war in der Kutsche die Baronin Zülchow vorgefahren, hatte auf die respektvollen Grüße nicht gedankt, nicht gelächelt, einen alten Diener hatte sie bei sich, dem sie in Eile angab, wie sie die Möbel gestellt wünschte, er schrieb beständig auf, während sie sprach. Dazwischen hatte sie sich stumm, mit verbissener Lippe in den Räumen umgesehen. Dann war sie wieder gefahren, und die Aufstellung hatte begonnen. Es war auch ein Dienstmädchen eingetroffen, eine ältere, tüchtige Person, Frau v. Zülchows bestes »Stück.« Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie ihrem Sohn einen ganzen Stab von Dienerschaft mitgegeben, aber es ging nicht nach ihr.
Am Ende November, als der Abend fiel, kam der neue Pfarrherr im offenen Wägelchen. Sein eigenes ehemaliges Reitpferd war davorgespannt. Die wenigen Leute, die dies beobachteten (denn der dichte Schnee machte das Geräusch der Räder fast unhörbar), dachten, er würde das Gespann behalten, es war Stallung genug da von einer, früher mit der Pfarre verbundenen Ackerwirtschaft her. Aber der Wagen kehrte gleich um und fuhr wieder zurück.
Gregor stand auf der Schwelle der Gartentür, und mit einem langen Blick umfaßte er das graugelbe Häuschen, den kahlen Garten, in dem eine Schneedecke lag, die schweren Wolkenschichten, die sich darüber türmten. Alle Fenster waren dunkel, kalt und unwirtlich sah ihn seine neue Heimat an. Nur hinter der einen Scheibe zur rechten Hand glühte es, wie ein kleiner Feuerschein im Innern.
Er stand lange still, obwohl ihn fröstelte. Dann schüttelte er die Schultern, als schüttle er etwas ab, und trat ins Haus.