Fritzchen war ein Querkopf. Sie hätte sich an der Freundschaft mit Hans Henning genügen lassen sollen. Der Junge war reizend zu ihr, lief mit ihr herum, selbst auf den Boden zu den alten Laken und den Spinneweben, bequemte sich ihren verschrobenen kleinen Ideen an, schwatzte ihr amüsierliches Zeug vor und versprach ihr tausend Wunder, wenn sie einmal nach Rummelshof käme. Sie mochte ihn auch gern leiden, diesen lustigen, rundköpfigen Jungen mit der aufgestülpten Nase, den Schelmaugen und der Mischung von schlingelhafter Frechheit und treuherziger Zartheit. Aber sowie sie konnte, schlüpfte sie immer wieder in die Richtung, in der sie Gregor vermutete, und obwohl er sie kaum ansah und ihre täppischen Bestrebungen, sich bemerklich zu machen, fast niemals wahrnahm, so lief sie doch immer wieder hinter ihm drein und war froh, ihn nur zu sehen.
Jetzt wußte sie mit einem Male, wie die Ritter und stolzen Könige ihrer Spielträume aussahen, und sie faßte eine stille und tiefe Verachtung für die bunten Bilder aus ihren Büchern, die ihr bisher maßgebend gewesen waren.
* * *
Herr v. Zülchow schob seine Kaffeetasse fort, ihm war nicht sehr zum Trinken und zum Rauchen. Als er die Kinder durch die Halle und nach draußen laufen hörte, verschärfte sich die unliebe Empfindung in ihm so stark, daß sein Gesicht sich rötete.
»Ich bin hauptsächlich heute aus einem bestimmten Grunde gekommen, Ludwig«, sagte er.
Die Einleitung war ungeschickt genug. Herr v. Dörfflin warf seine Zigarre fort. »Wenn es Dir um meine inneren Angelegenheiten zu tun ist, so spare den Versuch!« brauste er auf. »Ich lasse mich nicht bevormunden.«
»Ach Gott!« sagte Herr v. Zülchow tief ärgerlich. »Innere Angelegenheiten! Lassen wir doch diese Redensarten. Du hast ja keine Ahnung, wer die Dame ist, die Du Dir zur Frau und den Kindern zur Mutter geben willst.«
»Hast Du etwa die Ahnung?« höhnte der große Junge mit seinem treuherzigsten, dümmsten und impertinentesten Gesicht. Er blickte so impertinent, weil es ihm vor Unbehagen in allen Adern prickelte. Einen Disput hatte er noch nie bestehen können.
»Ahnung, Ludwig? Die ganze Gegend schwatzt davon und lacht über Dich. Als Fräulein Wurach im Sommer nach Lanzow kam, war sie mit einem Schreiber verlobt. Dem hat sie jetzt abgeschrieben, weil es hübscher für sie ist, Deine Gemahlin zu werden. Na ja, darauf kannst Du allerhand entgegnen, ich weiß schon. Aber was meinst Du zu dem allerliebsten Geschichtchen, das die Pastorin Barthold von ihr erzählt? Im vorigen Sommer war sie dort, da die Tochter ihre Schulfreundin war, dort ist sie Hals über Kopf fortgekommen, weil sie ihren ganzen Koffer voll gestohlener Zwiebäcke hatte! Nun, wenn sie Deine Frau ist, gibt sich das vielleicht.«
Im Lampenschein sah Fritz Zülchow jetzt das Gesicht, es sah so jammerwürdig verblüfft und hilflos aus. »Gib mir Beweise für diese albernen Klatschereien«, bullerte Ludwig Dörfflin heraus.