Kennst Du den Reiz der Askese, Durchlaucht Maria? Du nicht.
* * *
Die Dorfkirche war überfüllt, selbst in den Gängen standen die Leute. Auch Herr v. Dörfflin war ehrenhalber heute erschienen. Es war ihm ein bißchen komisch zu Mut, daß er der Patronatsherr sein sollte von dem ältesten Sohne seines Fritz. Es gelang ihm auch nicht so recht, die Würde, die ihm zukam, zu markieren. Er rückte nach rechts und links und machte beklommene Augen, als sei er in seinem vergitterten Herrenstuhl derjenige, der heute eine Probe abzulegen habe, und nicht der junge blonde Geistliche im Talar, mit der goldenen Brille vor den blauen Augen.
Zu Hause bei ihm, im Eßzimmer, hatte es einen kleinen Strauß gegeben. Gisela fand es nicht richtig, daß Fritzchen auch zur Kirche ginge. »Sonst ist immer nur höchstens einer in unserem Stuhl, und heute tritt die ganze Familie an. Das ist ja unerhört, das fällt ja rasend auf.«
Fritzchen sagte: »Aber Gisa, natürlich gehe ich zur Kirche. Wem von allen Menschen soll ich es verbergen, daß ich Gregor Zülchow lieber anhöre als den alten Baumann?«
»Aber so begreife doch!« schalt Gisa.
Frau v. Pohle half Fritzchen. Es sei doch ganz natürlich, daß bei einem Amtswechsel sich das allgemeine Interesse zeige. Herr v. Dörfflin half ihr auch. Wenn er schon gehen müßte, sollte Fritzchen auch, das war ihm gemütlicher.
So saß alles in gespannter Erwartung.
Wie hell und kalt und gebieterisch die junge Stimme durch den Raum schallte! Die Leute sahen sich an und schüttelten leise die Köpfe. Nein, das war nichts, ihr alter Pastor war's nicht. Herr v. Dörfflin rutschte von neuem hin und her, ihm kam vor, als sei jedes Wort der Liturgie und der Vorlesung mahnend und tadelnd an ihn gerichtet und er sei dazu ausersehen, heute eine Moralische zu kriegen.
Es war am 23. Sonntag nach Trinitatis.