– – – »die Feinde des Kreuzes Christi, welcher Ende ist die Verdammnis, welchen der Bauch ihr Gott ist, und ihre Ehre zu schanden wird, derer, die irdisch gesinnt sind. Unser Wandel aber ist im Himmel –«

Er stand auf der Kanzel. Über ihm und zu seinen Seiten waren die pausbackigen, graugewordenen Engel- und Apostelfratzen, die ein längstvergangenes Jahrhundert hier geschaffen hatte. An den Fenstern trieb ein wirres Schneegestöber. Es war kalt, und der Dampf flog vom Munde.

Er stand da oben, mit seiner goldenen Brille, mit seinem schmalen Gesicht, kein Helfer und Tröster und liebevoll strenger Vater seiner armen Gemeinde auf den harten Bänken da unten und in den steinkalten Gängen.

Er mochte wohl ein Führer sein, denn er wußte den Weg, aber er sah sich nicht um nach denen, die ihm folgten. Ob sie mitkonnten, ob sie stolperten, ob sie hilfsbedürftige Hände ausstreckten, was ging es ihn an. Er war von herrlicher Gestalt und herrlichem Wort, aber die unbeholfenen Seelen fürchteten sich vor ihm und krochen in sich zusammen.

Es war keine Strafrede, die heute von der Kanzel kam, wenigstens keine, wie der alte Pastor sie hielt und wie sie den Leuten lieb und nützlich war. Es seufzten keine Klagen über ihre Verderbtheit, es fielen keine groben Vergleiche und plumpen Beschuldigungen. Alles war messerscharf, voll wissenschaftlicher Klarheit, leuchtend und doch kalt, wie ein beängstigendes Spiel mit blanken Schwertern.

Noch war es eine Predigt für den Hof und die Hofkreise, und einige halb mitleidige, hingeworfene Erklärungen, die er seinen Auseinandersetzungen anhing, um sie den Köpfen da unten verständlich zu machen, änderten nicht viel.

Da empfand Fritzchen zum ersten Mal als schmerzend den Eishauch, der von ihm ausging. Die Not ihres Völkchens, das da stand und harrte und nun glänzende Steine statt einfachen, kräftigen Brots empfing, ging ihr zu Herzen.

Wie hatte sie sich oft über den alten Baumann empört mit seinen Himmelreichsversprechungen als Antwort auf die irdische Mühsal und mit seinen Keulenschlägen! Hier war nichts von dem, sondern eine Fülle von Geist und Studium spielend heruntergeworfen. Eine verblüffend glänzende Form für den alten, ihr längst unscheinbar gewordenen Inhalt.

Es ging dem Mädchen wunderlich. Was hätte sie sich Schöneres wünschen können? Ihre ganze kindischtolle Rebellion konnte hier ihre Antwort finden. Alte, auswendig gelernte Worte erschienen plötzlich in neuer Beleuchtung, wurden lebendig, traten dem Herzen greifbar nahe. Ach – so ist es gemeint? Ein Ahnen von dem ewig Gültigen in der alten Form, die von trotzigen Händen als abgegriffen fortgeschoben ist, durchschauerte die junge lebensfremde Seele.

Aber all das flog nur vorüber, vom Bewußtsein kaum aufgenommen, wie die Flocken des Schneegestöbers draußen vor dem Fenster. Wirklichkeit blieb das armselige Dorfvolk da unten, das ängstlich, leer und enttäuscht zu der Kanzel aufsah.