In vornehmen Kreisen war Gregor bekannt für die außerordentlich feine und kühle Art, in der er sich Zudringlichkeiten fern hielt. Bei diesen Landbären verfing das nicht. Denen mußte man klobig kommen, wenn sie verstehen sollten. In tiefer Verstimmung trat Gregor die Rückfahrt an.

– – – Es laufen die Gerüchte durchs Land wie mit Spinnenbeinen. Überall, wo er künftig hinkommen wird, sind sie schon längst vor ihm dagewesen. Im öden Weg, wo die Wolken über den grauen Himmel jagen und die Schneewehen über die Felder treiben, wo der Wind bis in die Knochen kältet und einförmig die kämpfenden Pferdeköpfe da vorne nicken, da horcht man auf die Stimmen, die raunen, schwatzen, lachen hinter Biertisch und Kaffeetassen.

»Gregor v. Zülchow hat wirklich die Hofpredigerstelle Hals über Kopf niedergelegt.« »Ja, oder vielmehr, er mußte sie niederlegen.« »Wie lange hat er sie denn gehabt?« »Sechs ganze Wochen.« »Nein, kaum fünf.« »Er soll der Allerhöchsten Entschließung zuvorgekommen sein.« »Die Prinzessin Maria soll ins Ausland geschickt sein, ist das wahr?« »Na, man konnte das ja voraussehen.« »Der Vater ist außer sich, eine wilde Szene mit dem Hofprediger hat stattgefunden.« »Ach, das ist Gerücht.« »Nicht mehr als alles andere. Jeder weiß, wie die Prinzessin ihn vergöttert hat.« »Dieser kühle Weltmann! Man sollte ihm mehr Takt oder wenigstens Vorsicht zutrauen.« »Ja, das ist leicht gesagt –«

»Haben Sie gehört, daß er jetzt in Hohen-Leucken Pastor ist?« »Ist denn Baumann pensioniert?« »Er muß doch wohl.« »Wie lächerlich! Warum gerade in Hohen-Leucken?« »Ja, das ist unbegreiflich!«

So durchschüttelt, durchfroren, nervös unter dem Gefühl eines verfehlten Entschlusses, kam Gregor in sein stilles Pfarrhaus. Justine hatte ihm gut und sorglich gekocht, aber er achtete es nicht. Wein aus dem Rummelshöfer Keller stand auf dem Tisch, der lockte ihn, aber in einer Art gewaltsamer Askese schob er ihn ungekostet fort.

Keine Hilfsmittel! Aus mir selbst mich zurechtfinden.

Am liebsten wäre er in der jetzigen Verfassung auch nicht aufs Schloß gegangen. Er wollte seinen jungen Kameraden heute nicht, gerade darum nicht, weil er in seiner verquälten, hilflosen Stimmung sich nach ihm und seinem klaren Gesicht sehnte. Er hätte gern mit seiner Schwäche verächtlich gespielt und sie niedergetreten wie das Verlangen nach dem Wein. Aber er hatte mit Herrn v. Dörfflin besprochen, daß er heute kommen werde, und nun drehte sich die Geschichte herum, und ein nachträgliches Absagen wäre erst recht Schwäche gewesen.

– Im Wohnzimmer des Herrenhauses. Gisela hat das Wort. Herr Gott, wie sie zu plaudern versteht. Das ist ein Ton aus verklungenen Welten für den verschlagenen Landpfarrer. Man geht wie auf Fittigen über das Kraut- und Rübenfeld dieser Erde. Man streift überall so ein weniges an die Spitzen und Kronen. Man sagt alles und hat doch nichts gesagt. Man regt an und auf, sprüht, gaukelt und berührt doch kein Ding so nah, daß es stechen könnte.

Famos. Man merkt jetzt erst, wie einem diese Art Unterhaltung gefehlt hat. Ist denn das schon so lange her, daß man sie entbehrte? Jawohl, man ist ja eben zehn Jahre über den wüsten Schneeweg gefahren.

Er war schon so nervös empfindlich geworden, daß er bestimmt erwartete, wieder gestochen und verletzt zu werden. Da fuhr Giselas leichte Unterhaltung wie ein lauer kosender Wind über seine wunde Haut. Er war drin im Ton, ohne es zu merken.