Er aß und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch dabei sah er sich selber heute zu.
Er hatte ein stolzes und doch trübes Gefühl in der Brust. Das Leben beherrschen heißt meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die Heiligen sind oft nur die Toten.
* * *
Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten Küsters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwöhnten Mann der Welt auf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte.
Er saß am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte Worte, die sehr schön und richtig waren, und an dieser Stelle höchst nutzlos, und die Alte lag da in tausend Ängsten, verbiß sich vor lauter Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe.
»Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor« – das war alles, was sie überstürzt hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Küster hatte drüben Schule abzuhalten, und wußte nichts von dem hohen Besuche. Es war am Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen über den Schnee, und das Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab.
Nebenan in der Küche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Plötzlich ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf:
»Solch verrückter alter Herd!«
Was für eine Stimme?
Gregors Gesicht sah wohl plötzlich wie eine einzige Frage aus, so daß die Alte stotternd sagte: »Das ist – das ist man bloß das Fräulein Fritzchen, Herr Pastor, ich mein': das gnädige Fräulein. Ach Gott, wir sagen noch immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter –«