„Ich weiß mich noch ganz genau zu erinnern, wie ein jeder Bauer seinen Tribut gebracht hat. Der Getreideboden, der Keller sind das ganze Jahr nicht leer geworden. Und in unserer Gegend hat es einen berühmt guten Wein gegeben. Stark wie der Teufel und moussierend wie Champagner. Da hat die Mama einmal einen kleinen Tampus bekommen. Als junges Fräulein hat sie nämlich nie einen Tropfen getrunken.“

Er sucht mühsam die Bissen auf dem Teller zusammen, wobei gewöhnlich die Hälfte zurückfällt. Großmama hackt so energisch darin herum, um ihm die Stücke zurecht zu schieben, als wäre das Fleisch ein Walfisch, und die Gabel eine Harpune. „Geh’ lieber Ferdinand, so nimm’ Dich doch ein wenig zusammen. Es ist ja eine Schande, wie Du ißt.“

„Du darfst nicht vergessen, daß ich blind bin“, erwidert er ruhig.

„Ich weiß schon, aber wenn Andere es können. Der König von Portugal, der war ja auch stockblind, und wenn ich nehme, wie der appetitlich aß!“

Don für sich: „Der König von Portugal, der ist mir ganz egal.“

„Aha hörst Du was der Don sagt. Ich find’, der Mensch ist schrecklich keck.“

„Wenn Du den Don nicht hättest! Nicht wahr, Fellner“, fuhr sie zum Gesellschafter gewandt fort, „ich weiß wirklich nicht, was mein Mann ohne Sie anfangen würde.“

Don tut solches Lob sehr wohl. Er verlangt ja nichts, als dieses bischen Anerkennung. Überhaupt ein anspruchloses, kindliches Gemüt. Er fühlt sich wohl, trotz seines Automatenlebens. Mich aber ergreift bisweilen etwas wie Mitleid, wenn ich ihn betrachte. Nicht, daß er einen überarbeiteten Eindruck macht! Nein, wahrlich nicht. Sein rundes, gerötetes Gesicht, und die über das Maß behäbige Gestalt erinnern vielmehr an die lustigen Mönche auf den Grütznerbildern. Es kommt daher, weil er fast keine Bewegung macht und seinen Teller stets bis an den Rand füllt. Vom Morgen bis Abend muß er trockene Geschäftsdiktate schreiben, aus alten Urkunden vorlesen, förmlich Verzicht leisten auf seine Individualität. Für solche Menschen wird das selbstständige Denken Luxussache, sie gestatten es sich nur in den seltensten Fällen, gewöhnen es sich schließlich ganz ab und leben dahin, wie das liebe Tier.

„Na ja natürlich. Es ist immer Alles recht, was Dein lieber Fellner tut“, versetzt Großpapa in eifersüchtigem Ton.

„Es ist schon gut. Jetzt ein bissel ruhig sein, lieber Ferdinand, sonst überzuckst Du Dich.“