„Du hast aber viel an mir auszusetzen. Früher, da hast Du immer nur die guten Seiten gesehen.“
„Du warst aber auch ganz anders. Aussehen und Manieren wie ein Prinz“, versicherte sie mir.
„Natürlich, man wird alt.“ Und dann intoniert er mit zitternder Stimme die schöne schwermütige Melodie aus dem „goldenen Kreuz“: „Jenun, man trägt, was man nicht ändern kann.“ Ja, das waren Zeiten damals. Soll ich Euch erzählen, wie ich die Mama kennen lernte? Und trotz einstimmigen Protestes beginnt er die Geschichte von Neuem:
„Ich habe mit ihrem Bruder am Gymnasium studiert. Wir waren sehr gut miteinander und er hat mich im Hause meiner nachmaligen Schwiegereltern aufgeführt. Constanze saß am Fenster neben ihrer Mutter und arbeitete an einer Stickerei. Damals haben die Damen Locken getragen, und ich schwärmte seit jeher für blondes Haar. Und sie hat so herrliches gold-blondes Haar gehabt, — eine Locke, die ihr bis unter die Taille hieng. Sie sehen und mich verlieben war eins. Mein Vater war ganz wild, weil ich ihm erklärte, daß ich bereits meine Wahl getroffen hatte. Die oder Keine. „Dummer Bub“ hat er gesagt, „lern’ Du lieber. Mit dem Heiraten hat es schon noch Zeit.“
„Das glaub’ ich“, mengte sich Don höchst respektswidrig ins Gespräch. „Der Herr Baron sind ja noch vor der Schultafel gestanden.“
Großmama, die sich zuerst ablehnend verhalten, lächelte nun doch etwas geschmeichelt, und er fährt fort:
„Vier Jahre, sage vier Jahre — beinahe so wie der Jakob um Rebekka, hab’ ich um die Mama geworben. Und weil mein Vater sah, daß ich meinem Entschlusse treu blieb, gab er nach. Aber er sekierte mich in einemfort und sagte: „Geh’ bild’ Dir nur ja nichts ein: die Constanze mag Dich ja gar nicht.“ Die Mama wollte mir nämlich nie öffentlich einen Kuß geben, aus übertriebenem Schicklichkeitsgefühl. Schließlich mußte er seine Vermutung doch aufgeben.“
„Genug, genug, lieber Ferdinand,“ bestimmte Großmama, doch diesmal fügte er sich ihrem Wunsche nicht: „O nein Mylady: jetzt kommt gerade das Piquante.“
„Schämst Du Dich denn nicht, vor dem Kind?“ Ich war nämlich noch immer das Kind.
„Nein, gar nicht. Es war bei einem Spaziergang. Die Eltern giengen ein Stück voraus und ich schlich zu Constanze, die etwas im Zimmer vergessen hatte. Wir benutzen die Gelegenheit, und wie wir mit einander schnäbeln, steht plötzlich mein Vater vor dem Fenster und ruft in seiner ungenierten Art herein: „Ah, da schaut’s nur einmal her: Tut’ immer als ob’s nicht Drei zählen könnt’ und laßt sich dann von ihm abbusseln.“ — Wie die Mama erschrocken und verlegen war! Ganz feuerrot. Geweint hat sie vor Verzweiflung. Gelt Mylady?“ und er tastet nach ihrer Hand.