Um Ruhe zu haben, reicht sie ihm die Fingerspitzen und während er sie an seine Lippen führt, murmelt sie, den Blick himmelwärts gerichtet, als riefe sie unhörbare Zeugen an: „Nein — nein diese Fadheiten.“
Und Tante Nilla rümpft die Nase und ißt stillschweigend weiter. Sie spricht jetzt womöglich noch weniger als früher. — Man sieht und hört sehr wenig von ihr. Nur wenn die Turmuhr Mittag verkündet, tritt sie in einen dicken Mantel gehüllt, das Gesicht mit einem Schleier so vermummt, daß man gar nichts von ihren Zügen sieht, auf die Terrasse. In der einen Hand trägt sie einen Marktkorb, in der anderen eine enorme Gießkanne. Rechts und links von Hunden in einer abenteuerlichen Uniform — marineblau mit grauen Borten — flankiert, so findet sie sich bei ihren Schützlingen ein.
An einer entlegenen Stelle des Gartens ragt eine stattliche Colonie empor, an der beständig hinzugefügt, vergrößert wird. Nie haben altersschwache Eichkätzchen, flügellahme, hinkende Krähen eine fürsorglichere Pflegerin, ein comfortableres Heim besessen.
Und hier taucht die schweigsame Tante auf. Sie spricht mit diesen stummen Geschöpfen, als wenn es ihresgleichen, vernünftige Wesen wären, und legt eine Zärtlichkeit in ihre Stimme, wie sie nur weichen Gemütern eigen ist. Sie tadelt und lobt, streichelt sie, und lacht fast übermütig auf, wenn Eines oder das Andere Allotria treibt. Es ist nicht mehr dieselbe, etwas düstere Erscheinung, wie wenn sie unter Menschen weilt. Nichts von jener unnahbaren Haltung, die von vornherein jedes herzliche Verhältnis ausschließt.
Und es ist, als ob die Tiere sie verständen. Jedes kennt seinen Namen und niemals meldet sich ein falscher. „Nirps!“ und der Doyen der Krähen, ein einäugiger, ziemlich zerzupfter Gesell kommt herangetänzelt und dienert vor ihr, oder „Stutzl“, das Eichhörnchen mit dem angeschossenen Bein versucht einen Purzelbaum zu schlagen. — Im Großen und Ganzen eine traurige Gesellschaft. Mir tut ihr Anblick weh.
Ich blicke mit einer Art Staunen zur Tante hinüber: sie ist eine von Jenen, aus denen man nicht klug wird. Vielleicht war ihr einmal Böses widerfahren und der alte Groll lebt in ihr fort und macht sie fühllos den Menschen gegenüber. Wer weiß! Ich hätte etwas darum gegeben, dieses Problem zu lösen, doch es gelang mir nie. Tante Nilla wußte ihre Persönlichkeit und alles was damit zusammenhieng, in das undurchdringlichste Dunkel zu hüllen. Sie war und ist mir immer ein Rätsel geblieben. Ihre Liebe zu den Tieren bildete sozusagen das einzige Bindeglied zwischen uns. Denn auch ich schwärmte für so etwas Kleines, Vierbeiniges, das wir im Garten hatten, ein junges Reh. Es ist eine Waise und — namenlos.
Wir nennen ihn nur: „Er.“ — Das sagt aber auch Alles. Er ist eines jener bevorzugten Wesen, die sich die Herzen Aller im Flug erobern, ohne selbst etwas dazu zu tun. „Er“ ist, „er“ existiert und das genügt vollkommen, dadurch erfüllt „er“ seine Pflicht. Nicht, daß er sich etwa keiner äußeren Vorzüge rühmen darf: ganz im Gegenteil, er ist in Allem und Jedem der comble der Vollkommenheit. Welche Anmut, welch’ hinreißende Grazie er besitzt, das hält nur Jener für möglich, der ihn selbst gesehen. In seiner Haltung, dem stolzen Tragen des Kopfes, dem leicht gewiegten Gang liegt eine Poesie ohnegleichen. Er hat eine Art und Weise, Einen anzublicken, die wie Sonnenschein ins Innere dringt; im feuchten Glanz der großen dunklen Augen liegt etwas, das zum Guten mahnt, und einem Jünger Apoll’s die lieblichen Worte entlockte.
„Hat diese Welt als einz’gen Lohn
Für mein Bemühen, Spott und Hohn,
Kann nichts mein Herz so tief erquicken,