Als in Dein arglos Aug’ zu blicken.“
Und er war tatsächlich im Zeichen der Poesie geboren. „Im wunderschönen Monat Mai, als alle Knospen sprangen, da war sein Lebenslichtlein aufgegangen.“ Im Waldesschatten, nahe dem murmelnden Bach, hatte seine Wiege gestanden; bemooster Boden, um den sich zartgrünes Brombeergestrüpp schlang, und dort habe ich „ihn“ gefunden.
Sein Vater hatte sich in Ermangelung jeden Sinnes für Familienpflichten auf und davon gemacht, und da „ihm“ ein tückisches Schicksal die natürliche Ernährerin von der Seite gerissen, stand „er“ allein und hilflos da, inmitten der weiten Welt.
Wie er zitterte in seinem Versteck und mit der weichen Sammetschnauze meine Lippen beschnupperte! Dann begehrte „er“ infolge einer optischen Täuschung stürmisch nach meinem Handschuh, den ich ihm auch bis auf Weiteres willig überließ.
Ich drückte das liebe kleine Ding mit dem gefleckten Fell zärtlich an mich, mit der Empfindung, einen Schatz gefunden zu haben. Aber mit zärtlichen Gefühlen allein nährt man kein monataltes Reh, und so hieß es denn, die materielle Seite in’s Auge zu fassen. Ich machte mich mit meiner leichten Bürde auf den Heimweg und sah der Zukunft frohgemut entgegen, denn die Adoption schien mir, wenigstens vorderhand, mit keinen unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden. Ein eingezäunter Platz der Obstwiese sollte sein neues Heim werden, und zur Wärterin bestellte ich mich selbst. Die Bedürfnisse meines kleinen Kostgängers waren recht bescheidene, und der Dank, mit dem er jede Aufmerksamkeit entgegennahm, verdoppelte die Freude, für ihn zu sorgen.
Wenn ich ihn in den Armen hielt und er heißhungrig die mit warmer Ziegenmilch gefüllte Saugflasche bearbeitete, bot sich mir Gelegenheit, ihn bis in’s Detail zu studieren, und ich gewahrte Schönheiten, die mir im ersten Augenblick entgangen waren. So weich und harmonisch war Alles an ihm, so rührend der Ausdruck des Köpfchens, mit den langen, aufgebogenen Wimpern und den seidigen Losern. Dann stellte ich ihn auf die Erde und er machte kleine, furchtsame Schritte, wobei er jedoch die übermäßig langen Beine mit einer Behutsamkeit und Grandezza voreinander setzte, als wäre er ein Tanzmeister in Lackschuhen. Er folgte mir auf Schritt und Tritt, benahm sich immer gut und würdevoll. — „Er“ ist zum Tagesgespräch geworden und es machte uns Spaß, ihn im Geiste in den verschiedensten Verkleidungen vor uns zu sehen. Bald stellten wir ihn uns als Troubadour vor, an der Mandoline zupfend, bald wieder im kleidsamen Rokokocostüm mit Zweispitz und Hackenschuhen, auch im Spitzhut des Touristen, bis wir zum Resultate kamen, daß er überhaupt nicht mehr schöner sein könne, als er war.
Wir erfanden ganze Geschichten, die wir zum Schlusse für wirklich wahr hielten und in denen „Mutzamein“, eine zarte, weiße Katze, die Hauptrolle spielte. Es gieng das Gerücht, daß „er“ sie zur Wirtschafterin engagiert habe und wenn wir vor der Thür ihr „Miau“ vernahmen, frugen wir, als ob es sich von selbst verstände: „Was will denn der gnädige Herr?“ — „Gnädiger Herr?“ Im Grunde aber hegten wir die feste Überzeugung, daß er bedeutend höher auf der socialen Leiter stünde, etwa „Chevalier“ war, Marquis oder spanischer Grand. Alles sprach dafür, wenn man auch keine bestimmten Tatsachen nachweisen konnte. Sein elegantes Auftreten, sein vornehmer Geschmack. Er nahm nur Delicatessen zu sich, das Erste, Saftigste, was die jeweilige Jahreszeit bot — Veilchen, frische Rettigblätter, die er mit Kennermiene verzehrte, Rosen, Erdbeeren und geschnittene Äpfel.
Sehr komisch war es anzusehen, wenn er Baumäste und niederes Buschwerk attaquierte und dazu die tollsten Sprünge machte. Er konnte eben tun, was er wollte, wir fanden Alles „herzig“, unnachahmlich.
Robert schien sein Anblick zu ergötzen und das stimmte mich milder gegen ihn. Ich hatte mich indes getäuscht.
„Im nächsten Frühjahr kann er ein ganz passabler Bock sein. Dann lassen wir ihn hier im Garten aus und veranstalten eine Jagd.“