Obwohl es halb im Scherz gesagt war, empörte mich die Äußerung. Es lag so viel Taktlosigkeit darin, so viel Rohheit des Gefühls.
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Ein Tag vergieng wie der andere, — und die Jahre flossen dahin in ruhiger Gleichmäßigkeit. Ich merkte es kaum — es war mir zur zweiten Natur geworden, dieses Leben, arm an Ereignissen und reich an Arbeit.
Ab und zu kam Besuch aus der Nachbarschaft und da erzählten dann die jungen Mädchen von den Erlebnissen im Fasching und in der Stadt. Bälle, Rennen, Toiletten und Courmacher. Sie kannten kein anderes Thema, ich wußte nicht mitzureden und so blieben wir uns fremd.
Und doch, wenn sie gegangen, beschlich es mich wie leise Wehmut. Eine so eigentümliche Empfindung. Ich kann nicht sagen, was es ist. Es lehnt sich etwas in mir auf. Es fehlt mir etwas. Dann eile ich, von innerer Rastlosigkeit getrieben, von einem Zimmer in das andere, hinaus in den Wald, und da wird mir leichter.
Es ist so ruhig und friedlich um mich her. Ich schließe wie unbewußt die Augen und atme in langen Zügen die würzige Harzluft ein. Das Rauschen der Bäume klingt wie Musik an mein Ohr. Welch’ eigentümlicher Zauber liegt doch in dem Zusammenklang dieser mannigfachen Töne, welche Harmonie in dem bald nahen und lauten Flüstern, bald weit und leise schallendem Echo!
„Tok-tok“ tönt es in regelmäßigem Rytmus vom nahen Baumstamm herüber. Meister Specht hat wohl eine Postarbeit zu vollenden, und unwillkürlich muß ich über die Geschäftigkeit des bunten Vogels lächeln. Die alten Tannen neigen zustimmend das Haupt, und die zwei Eichkätzchen, auf deren Fell gerade ein Sonnenstrahl fällt und es goldig schimmern macht, halten in ihrem Haschen inne, als schämten sie sich ihrer Spielsucht, aber schon im nächsten Moment beginnt die tolle Jagd von Neuem. Leichtfertige, schnelle Dinger! — Glückliche Geschöpfe, die nichts ahnen vom schnellen Entschwinden der Zeit, nur die Lust des Augenblickes kennen, ohne Furcht und Reue. Wer weiß, sie sind vielleicht klüger als Jene, denen so manches Vorurteil das volle Genießen verbittert.
Ein welkes Laub wirbelt mir in den Schoß und ich schrecke nicht zurück vor der Berührung mit dem bleichen Gespenstchen; es will mir fast wie ein Widerspruch scheinen, denn auch hier weht mir kalter, erbarmungsloser Todeshauch entgegen. Auch in diesen zarten Äderchen hat noch vor Kurzem Leben pulsiert, frisches, warmes Leben, das ein einziger Windstoß, ein leiser Ruck vernichtet hat. Ich seufze auch nicht, während ich es zu Boden gleiten lasse. Mag es hier auf der feuchten Erde liegen bleiben und vermodern, mögen achtlose Menschenfüße es zu Staub zertreten, es hört nicht auf zu sein, wenn auch in anderer Form und Weise. Mutter Natur hat ein zu großes, liebendes Herz, sie hängt auch am kleinsten ihrer Kinder und will sich von ihm nicht trennen.
Alles um mich her strömt intensive Lebensfreude aus. Ein schillernder Schmetterling wiegt sich im Cyclamenbecher und schlürft berauschenden Trank.
Die kleinen naseweisen Ameisen summen etwas von „fleißig sein.“ Offenbar behagt ihnen mein müßiges Träumen nicht. „Nun laßt aber auch sehen, ob ihr vollkommen genug seid, um Anderen gute Lehren zu erteilen?“