Behutsam nähere ich mich dem aus Erde und Tannennadeln gebildeten Haufen, in dem es schwarz wimmelt. Ich halte den Atem an und sehe gespannt dem regen Treiben zu. Was das für geschickte Baumeister sind! Wie klug und systematisch die Strohhalme, Nadeln und Holzspähne auf einander geschichtet sind! Aus der winzigen Baumhöhle schöpfen sie unermeßliche Reichtümer aus selbstfabricierten Sägespähnen. Eine Ameisenabteilung steht auf dem balconähnlichen Vorsprung und wirft aufrecht stehend, mit den Vorderfüßen den unten harrenden Cameraden staubähnliche Splitter zu. Jene Anderen, welchen die Sorge für die Mittagstafel obliegt, schleppen mühsam einen Käfer, ein totes Würmchen herbei; sie keuchen gewiß unter der schweren Last, aber Entmutigung kennen sie nicht. Nach minutenlanger Rast nehmen sie die Bürde wieder auf und frisch geht es dem Ziele zu. „Nur nicht verzagen“, das ist ihr Motto.
Ich lasse mich auf einen Reisigbündel nieder und meine Betrachtungen schweifen von der emsigen Colonie dem blauen, wolkenlosen Himmel zu. Wie gleichmäßig spannt er sein Zelt aus, wie unergründlich ist sein Lächeln, das er auf so viel Glück und auf so viel — Elend herabsendet! ... Ich kehre wieder zur Erde zurück und lenke den Blick auf die vor mir liegende Waldpartie. Nicht ohne Wohlgefallen wende ich das Auge von den alten hundertjährigen Buchen- und Eichenbeständen zu den Kindern späterer Zeit, deren Prachtentfaltung der Zukunft gehört. Es macht einen angenehmen Eindruck, dieses frische, saftige Grün, im Gegensatz zu dem ernsten Dunkel, das wie ein Schatten, eine erfahrungsreiche Mahnung zur Jugend hinübersieht. „Was könnten wir Euch erzählen, wie trefflich Euch raten; noch verschmäht Ihr unsere Warnungen, einstens aber werdet Ihr an uns denken.“ — Vergeßt Ihr wieder einmal, Ihr Alten, daß auch Ihr in Jugendfülle und Übermut dastandet, den Lenzhauch in Eueren Ästen rasten ließet und die gefiederten Liebespaare in Eueren Zweigen beherbergtet?“
Im Grase zu meinen Füßen schimmert es in schillernder Taupracht. Es zittert und weht hin und her, wie der zarteste mit Goldfiligran verwobene Spitzenschleier. Bedächtig zieht sie einen Faden um den andern, die langbeinige Spinnerin, ganz unbekümmert um die arme gefangene Eintagsfliege, die Todesqualen leidet. „Warte nur, Du grausamer Tyrann! Wir leben nicht mehr in der Zeit des Faustrechtes; einer schöneren Periode geht es entgegen, wo es keine Hinterlist, keinen Betrug und — keinen Krieg mehr giebt.“ Ich fahre mit der Schirmspitze in den flimmernden Dunst und jetzt ist es mir leichter. „Lebe, kleine Fliege und schwing’ Dich mit den glashellen Flügeln in den blauen Äther empor.“
Brombeerstauden umschlingen die Baumstümpfe des Holzschlages und die schwarzen Früchte blicken mir verlockend entgegen. Ist es denn so lange her, daß ich an diesem Plätzchen gekniet und Erdbeerlese gehalten habe? — Ja, das Rad der Zeit rollt unaufhaltsam fort. Auch der Frühling, die Jugend entflieht und der Herbst meldet sich. Doch es gibt ein schönes, frohes Alter, es entsprießen ihm süße, erquickende Früchte, wenn ein Lenz der Gewissenhaftigkeit, ein Sommer treuer Pflichterfüllung vorausgegangen.
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Die Tante und ich, wir nahmen seit längerer Zeit regen Anteil an der Friedensbewegung und waren mit vielen Gleichgesinnten in schriftlichen Verkehr getreten. Und wir hätten es nur natürlich gefunden, wenn das gesammte weibliche Geschlecht sich verbündet hätte, um der Kriegsfurie Einhalt zu gebieten. Mußte denn nicht jedes Mutterherz bluten, bei der Vorstellung, daß sein Kind eines Tages verstümmelt, zerfetzt, unter namenlosen Qualen zugrunde gieng? — Doch nein, es war noch immer Mode, die Söhne altadeliger Familien in militärischen Anstalten erziehen zu lassen, und wer es wagte gegen den Strom zu schwimmen, wurde mit scheelen Blicken angesehen.
Zudem gab es mehr als einen Retrograden, der aus Princip ein wütender Gegner der Bewegung war, sich mit Händen und Füßen wehrte, und ihr mit beißendem Hohn begegnete.
In unserem Dorfe selbst verhielten sich die meisten Leute, namentlich zu Beginn, ziemlich mißtrauisch. Wenn sich einmal ein Bauer etwas in den Kopf setzt, läßt er es sich nicht so leicht wieder ausreden, und sie hatten von jeher an dem Grundsatz festgehalten: „Nur ja schön vorsichti sein, sonst sitzt mer mir nix, Dir nix in der Patschen. Und gar wann’t Herrschaft d’ Hand im Spüll hat — die kunnt an ausnutzen und dabei no profitieren.“
Diesen Leuten gegenüber mußte man also eine eigene Taktik einschlagen. Ihnen schroff begegnen, hätte sie abschrecken geheißen von allem Anfang an, und sie bitten, wäre ebensowenig das Richtige gewesen. Es blieb nur eine Möglichkeit: sie selbst zum Denken zu bringen. Wir verteilten Flugschriften unter die Erwachsenen und beschenkten die Kinder mit kleinen hübschen Geschichten. Und war gerade der Büchervorrat erschöpft, so erhielten sie Spielzeug und andere Kleinigkeiten. Hin und wieder nahm ich die Vernünftigeren auf einen Spaziergang mit, und das schmeichelte den Eltern ungemein: „Mußt schön fleißi sein und Dein G’setzel auswendi lernen, nachha darfst an ein Sunndag mit der Baroneß Mimi gehen“, und die Kinder folgten gern.
Und im Verkehr mit diesen jungen Geschöpfen fühlte ich mich selbst in meine Kindheit zurückversetzt. Meine Lieblingspuppe „Clementine“ hatte ich dem kleinen Hauer-Reserl geschenkt und die trennte sich nicht mehr von ihr. „Wissen’s Baroneß, ich hab’ die Tini so gern, weil’s Ihnen g’hört hat“, versicherte sie ernst. „Überhaupt, wann Sie mir was schaffen, so freut’s mi immer. Das war so schön, was mer neuli zum Lesen geben haben.“