„Was war das Reserl? Ich erinnere mich nicht mehr.“
„No die G’schicht vom Soldaten, der stirbt, und wie sei kleine Tochter ins Spital kommt und sagt, daß ohne Vattern nit leben will.“
„Ja, Reserl, gelt’ das is traurig, wenn’s so anem Kind sein Liebstes erschießen!“
„Und ob.“ Drauf ward sie schweigsam. — — Sie gieng mit zaghaften Schritten neben mir her; das Köpfchen hielt sie etwas gesenkt und die langen schwarzen Wimpern warfen dunkle Schatten auf ihr blasses, schmales Gesicht. Sie war kein schönes Kind, aber eigenartig durch und durch. Für mich hatte sie eine große Schwärmerei, — ich glaube sie hieng noch mehr an mir als an den Eltern — und dann noch für die dunklen Pensèes, die in mannigfachen Farbenzusammenstellungen unsere Gartenbeete zierten.
„Goldblumen“ so nannte sie sie, meine stummen Rivalinnen. Ich habe die Kleine einst belauscht. Sie kniete, winzig wie ein Käferchen, vor einer Gruppe der genannten Blumen, den Oberkörper etwas nach vorn gebeugt, die Arme wie segnend ausgebreitet, während ihre Augen in unbeschreiblicher Verzückung an den dunklen und gelben Köpfchen hiengen. Ein Lächeln, das ich nie vorher an ihr gewahrt, verklärte ihre Züge und dann plauderte sie mit den sammtenen Geschöpfen. „O wie schön Ihr seid, meine lieben Goldblumen, schöner, viel schöner als die Rosen und Nelken, — ein Jed’s ein anderes G’sichterl. Ihr solltet’s nie verdorren. Habt’s nur keine Angst. Ich pflück’ Euch nicht: ich tu’ Euch nichts zu Leide.“ Und dann küßte sie jede einzelne auf das sanfte Blumengesicht.
Ich lauschte stumm und tiefergriffen. Es gab also Kinder mit angeborenem poetischen Empfinden, das der Schlamm, der Schmutz, in dem sie ausgewachsen, nicht zu ersticken vermocht. Was konnte aus einem solchen Wesen werden, wenn es in die richtigen Hände geriet — und umgekehrt. — — —
Die paar Stunden in der Schule und dann sich selbst überlassen, den lieben langen Tag. — — Wieviel schöne Anlagen, die nie zur Ausbildung gelangen, wieviel Talente, von denen Niemand ahnt. — Aber freilich, wo soll der Staat das Geld hernehmen für die Erziehung, wenn er es so nötig braucht für neue Uniformen und Gewehre.
Sie war nur eine der Vielen, die den trostlosen Verhältnissen zum Opfer fallen und ich wurde unendlich traurig bei dem Gedanken. „Armes, armes Reserl.“
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Bei meinem Vetter gieng etwas nicht mit rechten Dingen zu: wir merkten es ihm deutlich an, und schließlich rückte er mit der Sprache heraus. Um doch irgendwie die Zeit totzuschlagen, hatte er sich dem Spiritismus gewidmet. Er befaßte sich mit Tischklopfen und Geisterschrift und gab sich alle erdenkliche Mühe, uns für seinen neuesten Sport zu gewinnen. „So versucht es doch nur einmal. Ich begreife gar nicht, wie man an dem Einwirken überirdischer Mächte zweifeln kann.“