In der Arbeit liegt Befriedigung: ich hatt’ es selbst erfahren. — — Aber alles ersetzen — nein — — das hat sie nicht vermocht.

Mein Herz begann zu klopfen, so laut und bang. Ich hörte seine Stimme deutlich: sie sprach von „Leben und Genießen.“

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Der Winter zeigte sich ganz besonders hartnäckig in diesem Jahr und die Post hatte infolge der argen Verwehungen wieder einmal Verspätung. Der alte Witzelsberger lädt uns ein, in der Wohnstube Platz zu nehmen, und wir folgen der Aufforderung gerne, denn er ist ein guter Mensch, und einer von den Wenigen, die Schritt zu halten wissen mit ihrer Zeit, so weit man es von einem simplen Bauer verlangen kann. In seinen Mußestunden — d. h. wenn er nicht amtlich zu tun hat — betreibt er das Schusterhandwerk, und während er auf seinem Dreifuß sitzt und die Ahle durch das spröde Leder gleiten läßt, schweift sein Geist in höheren Regionen. Er dichtet nicht, wie Hans Sachs, hat aber einen offenen, empfänglichen Sinn für Alles, was die Welt bewegt. Eine gesunde, derbe Vernunft leuchtet durch jede seiner Äußerungen, und unter dem groben Barchentkittel steckt ein braves, ehrliches Herz.

Eben befestigt er eine Sohle an winzigen Kinderschuhen: „Die san für die klane Bucher-Lisi aus Polenz“ erklärt er uns. „S’ war ja eh nimmer zum Anschaun, was das arme Hascherl g’froren hat. Blaurote Füß und kein Feuer im Ofen! — Ja, wenn mer so in die Häuser einerschauert, da hätt’ mer bald g’nua. S’ Armsein, ja!! — Wann eins no g’sunde Glieder hat, und was verdienen kann, aber so an Existenz wie die sieche Hablarin — kan Menschen zur Pfleg, und nit allemal a Stückel trockenes Brot im Haus — wahrhafti, s’ Herz kunnt’s Einem im Leib umdrahn. — Und da kauft si so a Millionarstochter um 30000 Gulden (nochmals, und sehr gedehnt) um dreißigtausend Gulden eine seltene Pflanzen. Ja, versteh’ns denn dös? I hab’s rein nöt glauben wollen, wier’ is g’lesen hab’. — Die Blumen, und wenn’s a no so schen is, wie lang dauert’s denn, und sie laßt ’n Kopf hängen? Und herentwegen, wie vüll Gut’s ließert si mit dem Geld machen. Die wissen’s Alle miteinander nicht, die reichen Leut’, was für a furchtbare Verantwortung als’ haben.

Vor ein paar Täg’ is in der Zeitung g’standen, daß ein Abgeordneter — der Namen fallt mir nit glei ein — von an Steuerzuschlag g’sprochen hat. Viel macht’s für’n Einzelnen nit aus, — die paar Kreuzer mehr, die tun auch Unsereins nit weh — und z’sammenkommen tät halt do hübsch was, und die armen Leut’ braucherten doch wenigstens nit zu derhungern. Da wüßt’ mer do für was, mer hätt’ was davon. Es is ja a Schand — in an ordentlichen Staat darf ja so was gar nicht vorkommen. Das Richtige g’schieht so nit alleweil — — no freili, ma traut si’s nit z’ sagen, sonst kommert mer in Verruf. — — Zu was denn um Herrgottswillen, das viele Müllitär? — — Anfangen mag do Keiner, weil Jeder si fürcht’, — no ja, selbstverständli — no also, jetzt steh’ns da — und warten — — is dös vielleicht a a Beschäftigung? — Und leben müssen’s do — Geld brauchen’s — her damit.“

„Ja, Recht hab’ns Witzelsberger,“ versetzt die Tante. „Nicht nur, daß das Rüsten ins Blaue hinein, Unsummen kostet, — es erregt vor Allem Mißtrauen, und das ist eine große Gefahr.“

„No freili — so hab’n sie die großen Krieg no immer ang’fangen. Mannigsmal schielt a der Ane oder der Andere von die hohen Herren über die Grenz, und wann ihm halt beim Nachbarn a Stückerl gar z’ gut g’fallt — nachher geht’s los. — Bitt’ Ihnen, für a Fleckerl Erden — is denn dös im Verhältnis — wenn mer denkt, wie viel tausend drunter leiden? Wir hab’n do nix davon — na uns fragt mer aber a nit. — Sonst, wier’s Volk heutzutag is, a jeder Anzelne tat Ihnen antworten: „Ah na, i bin nit für n’ Krieg, — i nit.“ S’is ja a Jammer, wann die Burschen fort müssen — drei Jahr lang dienen — wann’s nachher hamkommen, da hab’ns das Bissel, was konnt haben, a no verlernt; spielen si auf ’n nobligen Herrn aus, trinken, machen Schulden, tun den Dirn’ schön und lassen’s sitzen, wenn se ’s ins Unglück bracht haben. Na ja, von vorn anfangen, das g’freut’s net; so is kommoder — und a Posten zu an Officiern find’ si a nit allemal.“

Er war plötzlich nachdenklich geworden. — „Ja wann i mi so an’s Jahr 66 erinner’“, fuhr er nach einer kleinen Pause fort — „die Herrschaft war dazumal auf Reisen — weil mer kei Kirchen im Ort g’habt haben, da san mer’s ganze Dorf an ein Sunndag in die Meß übrigangen nach Blauenstein. I hab’ früher Flöten blasen auf’n Chor, und war immerdar der Eifrigste im Gotteshaus. Wie aber dann der Herr Pfarrer — jetzt tut ihm a kan Zahn mehr weh — ang’fangt hat in’s Hetzen, daherzureden, als wann die Preußen kane Menschen nit wären, da hat’s mer nimmer g’fallen. Nachha bin i ausblieben. „Pfarrer“, hab’ i simuliert, „Pfarrer, is denn dös in der Urdnung, is denn dös a Christlichkeit, daß’t machst, als dürft’ mer an Fremden hassen? Hat do der Herr Jesus Christus selber g’sagt: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — tue Gutes Deinen Feinden.“ Der Bischof hat’s bald derfahren, na dem war’s halt a nit Recht und drum hat er uns an andern Seelsorger verschrieben. Das war ein Mann, sag’ i Ihnen, Frau Baroneß, den hätten’s sollen predigen hören! „Vor unserm Hergott san mer Alle gleich — nur durch gute Werke und rechtschaffenes Leben können mer uns vor seine Augen wohlgefälli machen. Alle san mer unserm himmlischen Vater sei Kinder, ob mer aus Frankreich oder Deutschland kommen, Juden oder Christen sind. Keiner darf’n Andern was z’ leid tun, a Jeder soll schön staat vor seiner Tür kehren. Da hat er nur Recht g’habt, der geistliche Herr — Gott hab’n selig. — Wenn der heut aufständ’, der möcht’ dem Lueger, der ganzen Antisemitenpartei urdentlich den Text lesen. Na i gunnert’s ihnen, s’ war ihnen recht g’sund.

Ja alsdann — vom Jahr 66 hab’ i Ihnen derzälen wollen. War dös a Zeit — i wollt’s nimmer mitmachen, na i nöt. Aber i siehs vor meiner, akkarat als ob’s gestern wär. Im Frujahr, da san die Burschen wie g’wönli assentiert worden. Jeder hat zum Müllitär wollen, weil’s als was B’sonders golten hat. — Na, und die Madeln haben’s trieben! Wann Aner mit’n farbigen Büschel auf’n Hut z’ruckkommen is, no nachha war’s aus. Busseln hat’s geben, uje — und Augen verdraht haben’s, wie nit recht g’scheit. Ganz selbstverständli hat si da so a junger Mensch einbildt’, daß er was Extra’s is. No und mei Hannes, der hat’s halt a nit derwarten können, und die Freud, wie’s ihn g’halten haben! I hab’ in der G’huam immer g’hofft, sie nehmen ihn viellei do nit. — Aber er war a g’sunder starker Mensch: wir hab’n unsere Freud’ an ihm g’habt. Ja, dös hätt’ mer a nit denkt“, setzte er mit verschleierter Stimme hinzu und fuhr sich mit der rauhen Hand über die Augen. „Selbigs Jahr hat er mitmüssen, — na z’ruckkommen is er a — aber wie — mir wär’s meiner Söll lieber g’wesen, wenn ihn a Kugel glei mitten nei’ ins Herz troffen hätt’. Bei der Schlacht von Königgrätz hab’ns ihm an Fuß wurz abg’schossen und den Arm so verwundt, daß er’n hat in der Schlingen tragen müssen. — Er war schon so tüchti in der Wirtschaft g’west; hat Alles verstanden, i hab’ mi um nix net z’ kümmern braucht; — mit’n Arbeiten war’s halt dann aus, in Dienst hat’n a kaner mehr g’nommen und froh — dös is er sei Lebtag nimmer g’worden. Mit die paar Kreuzer, die ein Invalid auf’n Tag kriegt, — da wird er nit satt davon. Ganz schwermüti is er g’worn, der Hannes, zu trinken hat er ang’fangt, um net alleweil an sein Unglück zu denken. Was wir ihn beten hab’n: „Geh, sei g’scheit, laß’ stehen, thus Dein’ Eltern z’Lieb!“ All’s umasunst. S’hat nix g’nutzt, er hat net aufg’merkt — und am End’ is er d’ran zu Grund gangen. Dös hat „uns“ der Krieg bracht.“