Ich blickte mich scheu um in dem armseligen Raum, wo sich eine Tragödie abgespielt, wuchtiger, düsterer vielleicht, als auf mancher Großstadtbühne. Auch hier war der Todesengel eingekehrt, um ein blühendes Leben zu fordern: Schmerz und Verzweiflung folgte seinen Spuren.
„Wie san’ mer an den Buab’n g’hangen! — Kan Arbeit war uns zu schwer und wie er aufg’schossen is und so fleißi g’lernt hat, da hab’n mer uns net auskennt vor Freud. — — Nur, wenn er mit die Holzsoldaten g’spielt hat, und „Schießen“ kommandiert, da is mer urdentli bang g’worn. Wann’st mer Du nur net a anmal so derschossen wirst.“
„Von die Sieben san im Ganzen Dreie hamkommen; i war net der Anzige, den’s troffen hat. Ja, ja, Frau Baroneß, so geht’s schon. — Zwa san auf’n Schlachtfeld blieben — wer weiß, wo die begrab’n san! Dutzendweis habn’s es in die Gruben g’worfen, die Preußen und die Österreicher kunterbunt durcheinand — jetztan haben’s si halt do vertragen müssen. No, und die andern Zwa san an der Cholera g’storben. Die Sterblichkeit dazumal war ganz erschrecklich. — Keine Famüli, wo’s nit a paar Tote geben hat.“
„Ja schrecklich, schrecklich — und für was?“, schaltete die Tante ein.
„Dös sag’ i a. Mer bringert ja gern an Opfer, wenn mer an Zweck hätt’, wann mer meint, si oder an Andern damit z’helfen, was Gurt’s z’tun. — Aber All’s hergeben für nix und wieder nix! — — Na — wer dös begreifert! — I hab’ drum mein Vaterland nit weniger lieb und wann Aner von uns was leist’, wann mer von ihm redt, nachher bin i ganz stolz. „Schau, Witzelsberger is halt a an Österreicher“, denk i dann. Der Verstand, dös is ja, was’n Menschen ausmacht. — Wann wilde Viecher si zerschinten und auffressen, — das is was anders, aber der Mensch, der dürft’ do nit vergessen, daß er Gottes Ebenbild is. — Und dien’ i denn mein Vaterland besser, wann i mir die graden Glieder abschießen lass’ und Krüppel werd? Was kann i dann no leisten, was denn? — Und praktisch g’nommen, Profit, daß der Anzelne a was davon merket, das hat do Kaner, nit der Sieger und net der g’schlagen wird. — Steuerzahlen muß mer grat a so, und besser leb’n turt mer do nit. Reich werden höchstens a paar Leut: der Müllitärschneider und die Waffenfabrikanten — und dadafür — ah’s is ja verruckt. — — Segn’s Frau Baroneß, in mancher Weis waren die Menschen früher gescheiter. Da hat do no der Krieg an Sinn g’habt, weil’s persönliche Tapferkeit geben hat, aber irzt? — — S’Gewehr laden und’n Hahn losdrücken, das bringt bald Aner zu Stand, auch der Feigste. — Und wenn’s schon net anders geht, wenn schon absolut g’stritten sein muß, so sollen halt Zwa die Sach’ austragen. — Da waß i aus maner Kinderzeit, hat uns amal der Lehrer derzölt, oder is in der G’schicht standen, dös was i nimmer — da haben’s es akkarat a so a getan.“
„Ja natürlich ist’s vernünftiger. Übrigens kann man einen Streit auf ganz unblutige Weise entscheiden“, und sie setzte ihm in wenigen Worten die Schiedsgerichtsidee auseinander.
„Sölchs war das Richtige“, erklärte er bestimmt, „na und warum sollert’ mers denn nit dahin bringen? S’ wär’ ja nur a Woltat“.
„Ja lieber Witzelsberger, gewiß. Wenn aber nur Alle so dächten wie Sie.“
„No wegen dem war’s nöt. I bin der festen Manung, daß a Jeder hier im Dorf — is wer der wüll, vor’n Bettgehen sein G’setzel hersagt: „Lieber Hergott, bewahre uns vor jedem Übel, vor Krankheit, Hungersnot und Krieg.“ Nur trauen’s si halt nit, offen zu bekennen. Wann mers fragert, a Jeder schauert auf’n Andern, und Kaner muxert si. Bei si aber, in sein Innern da denkt er do, daß der Krieg an Unsinn is, a Sünd. — Ja, wann’t Menschen g’scheiter wär’n, wird si a Mannigs ändern.“
„Vater, die Post kommt.“ Es ist seine Tochter, ein bildhübsches Geschöpf von 18 Jahren. Das Haar umgibt in goldiger Fülle ein blasses Gesichtchen, aus dem ein paar traurige Rehaugen blicken.