Unter einem geöffneten Haustor wurde ein Schwein geschlachtet. Das Tier lag gebunden, blutüberströmt im Trog und ein Mann versetzte ihm mit Wonne Stiche, ermutigt von den Zurufen der Umstehenden: „Nur zu, a so, recht fest eini.“ Zwei kleine Buben verfolgten mit Spannung den Vorgang. Ich wollte auf sie zulaufen, sie wegreißen, ihnen sagen, daß das abscheulich sei, aber ich vermochte keinen Schritt zu machen. Ich hörte nur das verzweifelte, gellende Schreien, zuerst laut und fortgesetzt, dann immer seltener und schwächer — in meinem Kopfe wirbelte Alles durcheinander, bis ich nichts mehr wußte.

Ich wahr ohnmächtig vor dem Tor zusammengefallen und ins Schloß getragen worden. Abends jedoch hatte ich mich bereits vollständig erholt und erzählte der Tante die Geschichte mit der armen Franzel, in der Robert eine so erbärmliche Rolle gespielt. Sie war so empört und außer sich, daß ich erschrack. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, untersagte sie mir jedwede Einmengung, da sie es für angezeigter hielt, daß ich mich von solchen Dingen fernhalte — sie selber wolle mit ihm reden, an seine Ehre appellieren, falls er überhaupt noch einen Funken dieses Gefühles besaß.

Während die Tante mit ihm verhandelte, bemächtigte sich meiner eine große Unruhe. Was wird er sagen und wie soll es enden? Es war eine böse, traurige Geschichte und unaufhörlich schwebte mir Franzel’s verweintes, angstvolles Gesicht vor. Es gab nur einen Ausweg, das begangene Unrecht zu sühnen: er durfte nicht anders handeln, es war seine heilige Pflicht und Schuldigkeit. Die Tante kam zurück, blaß und erregt. Die Augen sprühten Funken und die Fingerspitzen zuckten nervös. Sofort begriff ich, wie es stand: „Er will also nicht?“

„Nein. Er weigert sich — der Elende. Von heute ab sind wir geschiedene Leute. O, man könnte oft verzweifeln an den Menschen! Diese verkehrten, hirnverbrannten Ansichten, diese Gemeinheit der Gesinnung. Wahrlich, wir Aristokraten haben’s not, uns aufzublähen, uns was zu Gute zu tun auf unsere Noblesse. Ein armer Flickschuster ist oft tausendmal mehr wert, als so ein vornehmer Taugenichts.“

Dann schilderte sie die Unterredung. Wie er zuerst — ahnungslos, daß sie um die Sache wisse — sondiert, ob ich ihn nicht vielleicht doch nehmen wolle. Sie solle mich bei der Gefühlsseite, beim Mitleid packen: er müsse jetzt wieder zum Regiment, in ein entlegenes Nest, sei allerlei Versuchungen ausgesetzt, denen er erliegen würde. „Mimi kann mich retten, mit mir tun, was sie will: ich wäre Wachs in ihrer Hand.“

„Würdest ihr zu Liebe wohl auch Deine Ansichten zum Opfer bringen? Denn wie Du jetzt denkst, ist ja eine Verständigung nicht möglich?“

„Alles, was sie will.“

„Nun, das spricht nicht zu Deinen Gunsten. Sie müßte ja einen Mann verachten, der seine Überzeugung für irgend einen Vorteil hingibt.“

„Wie Du immer Alles drehst. Es scheint übrigens, daß Du an meiner Ehrenhaftigkeit zweifelst. Ich wüßte nicht daß ich Dir Grund dazu gegeben.“

„So? Wie vergeßlich! Nun da muß ich Deinem Gedächtnis schon etwas nachhelfen. Es ist gar nicht so lange her — — übrigens vielleicht täusche ich mich in Dir. In diesem Falle würde ich Dir das Unrecht herzlich gern abbitten.“