In der Spitzenfabrik: Schweigend, mit müden blassen Gesichtern und gekrümmten Rücken sitzen die Frauen da und verarbeiten die haardünnen Fäden. So ein winziges Blättchen bedarf oft vieler Tage zur Vollendung.

Für diese armen Geschöpfe gibt es keinen Frühling, keine Blumen. — Was kümmert sie’s, daß die Sonne scheint, die Vögel singen?

Die kostbarsten Gewebe entstehen unter den fleißigen Händen, die Fabrikbesitzer werden reiche Männer und die kleine Arbeiterin rechnet an ihren Fingern nach, ob sie den Zins bezahlen kann für das Dachstübchen und wie lange es noch währen wird, bis sie erblindet.

Und unten wogt das Leben. Der Reichtum! Da packt es sie mit unwiderstehlicher Gewalt, treibt sie hinaus, in die hellerleuchteten Gassen, unter die elegante Menge. Nur einmal noch genießen, bevor die dunkle Nacht hereinbricht — ein einzigesmal. Sie steht und wartet und hofft — und bettelt um Liebe. — — Dem Ersten Besten wirft sie sich an den Hals, verschreibt sich ihm mit Leib und Seele. Ein kurzes Fest. Küsse und Champagner — — dann um so größeres Elend. — — Das ist das Los der Meisten. Die Reichen ohne Fehl, die mögen den ersten Stein auf sie werfen, wenn sie es wagen, und wenn es sich verträgt mit ihrem Gewissen.

Die zweite Auflage hab’ ich gefunden in Murano. Jeder Fremde sieht sich die Wunder der Glaserzeugung an, um sie nachher in seinen Erzählungen als „interessant“ zu schildern. Ich wüßte einen ganz anderen Ausdruck dafür.

In den unteren Räumen, da wo die zähe Masse geformt wird, herrscht eine Siedehitze. Ein Schar Männer mit aufgedunsenen Gesichtern und verschwollenen Augen, umsteht das offene Feuer, aus dem die roten Flammen züngeln. Sie kneten und blasen aus Leibeskräften, tun sie es doch um das tägliche Brot.

„Ist das denn nicht sehr anstrengend und gesundheitsschädlich?“ konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.

„Ja gewiß, aber was will man machen?“ entgegnete der Aufseher lachend. „Sonst gäbe es eben keine Perlen und kein Glas. — — Älter als 45 Jahr wird übrigens Keiner.“

„Mein Gott“, entfuhr es mir.

„Ja Signorina, das ist gar nicht so schlimm. Sonst müßten sie noch früher verhungern. Die sind froh, wenn sie sich ihre 70 Centesimi im Tag verdienen.“