Siebenzig Centesimi! Die armen Teufel. Und haben wohl noch Weib und Kinder daheim.

In den Schaufenstern prangen die schönsten Vasen und Spiegel, die teuersten Luxusgegenstände. Sie funkeln und schillern in allen Regenbogenfarben: ihr Anblick ergötzt uns, wir bewundern die edlen Formen und merken nicht, daß Blut und Schweiß daran klebt, sonst müßte es uns frösteln vor Unbehagen.

Im oberen Stockwerk ist’s lichter und kühler. Jedem Arbeiter ist seine bestimmte Beschäftigung zugeteilt, unabänderlich dasselbe, jahraus, jahrein. Ein graues, monotones Dasein, in dem die Stunden sich aneinanderreihen so gleichmäßig wie die Perlen an den langen Schnüren.

Da hab’ ich unwillkürlich aufgeseufzt. Ein eleganter junger Mann, auch ein Besucher, wandte sich nach mir um, und sein Blick sagte mir, daß er mich verstanden habe.

Des Abends fuhren wir auf die Soirée der Marchesa Berloni. Ich war einsilbig und zerstreut, das Gesehene wollte mir nicht aus dem Sinn. Das war wieder einmal ein schwieriges Problem. Die Eleganz, die ich doch liebe, auf einer Seite — das nackte Elend auf der andern. Da Überfluß, dort Mangel; den Vorschlag, zu teilen, hätte Keiner angenommen. — Oder wäre ich etwa bereit gewesen, mich meines Besitzes zu entledigen, auf die tausend kleinen Raffinements zu verzichten, die dazu beitragen, das Leben angenehm zu machen? — Ich gesteh’ es offen — nein. — Ich würde sicher keinen Bettler von der Türe weisen, aber alles Unnötige herschenken — das ist doch ein anderes Ding. — — Wie wenig weiß ich noch vom Socialismus, von dieser Zwillingsschwester des Friedens! Ich will mir Bücher kaufen und mich eingehender damit beschäftigen. — Es muß ja doch Mittel und Wege geben — vielleicht auch ohne Gütergemeinschaft.

Die Gesellschaft bestand aus circa 400 Personen. Darunter war Keiner, mit dem ich hätte sprechen können, wie mir ums Herz war. — — Ich blickte mich um, — immer in der uneingestandenen Hoffnung, eine Spur von meinem Unbekannten zu entdecken. Vergeblich.

Die Herren, die sich um mich bemühten, sind kaum der Erwähnung wert. Ein kleiner Spanier, der mich anschmachtete, mir nicht von den Fersen wich, aber die ganze Zeit über keine zehn Worte sprach. Dann ein ältliches, pergamentgelbes, eingeschrumpftes Männchen mit gefärbtem Bart, das sich über Alles und Jedes moquirte. Eine mir unsympatische Erscheinung. Man sieht ihm die eingebildete Überlegenheit von Weitem an.

Wir kamen auf die Friedensfrage zu sprechen, der gegenüber er sich mehr als skeptisch verhält. „Übrigens ein ganz reizender Apostel“, bemerkte er, das Monocle ins Auge klemmend. „Also Sie glauben wirklich an den Frieden?“

„Ja, ich bin eine begeisterte und überzeugte Anhängerin.“

„Letzteres ist viel gesagt, mit Anwendung auf eine Sache, die, hihi — nun ich möchte Sie nicht verletzen — aber es ist doch mehr eine schöne Spielerei.“