Es handelt sich uns nicht darum, die Reichen auszuplündern und ihr Hab’ und Gut unter die Armen zu verteilen. Nein, nur die schroffen Gegensätze sollen gemildert werden — durch die Gesetze. Man verwechselt uns so häufig mit den Communisten, und das ist ganz unrichtig. Wir wissen sehr gut, daß eine völlige Gleichheit ausgeschlossen ist. Es wird immer Unterschiede geben, sowohl in körperlicher als in geistiger Beziehung. Das Gegenteil wäre gerade so unsinnig, als wenn man vom geborenen Dichter verlangen wollte, daß er Sohlen an die Schuhe heftet, vom Crétin, daß er Astronomie betreibt, oder vom Krüppel, daß er Lastkarren schiebt.
Die Leute müssen eben immer reden, ob sie etwas von einem Ding verstehen oder nicht. So hat sich einmal ein Gegner folgendermaßen geäußert:
„Geld wird es natürlich keins mehr geben: wir werden Jedes mit einem Schein in der Hand unser Stück Fleisch, unsere Schuhwichse und überhaupt Alles, was wir brauchen — abholen: Niemand wird mehr im Wagen fahren, um es den Anderen nicht voraus zu tun. — Volle Gleichheit. Und schon nach einem Jahr wird der Streit losgehen, weil der A — wie es ja unvermeidlich ist — wieder mehr haben wird wie der B.“
Und darauf hinzuarbeiten, eine solche heillose Confusion heraufzubeschwören, liegt uns doch wahrlich fern. Jedem Menschen sein Stück Brot sichern, ihm die Möglichkeit bieten, es zu verdienen, das wollen wir. Der Eine mag Champagner trinken, der Andere sich bei Tafelwein genügen lassen, aber was nicht mehr sein darf, das ist: hier Berge von Gold und dort der Hunger, Crösusse und Bettler. Mit dem Verein gegen Verarmung und Bettelei ist uns nicht gedient, ebensowenig mit Wohltätigkeitsbazaren, die nun so sehr en vogue sind. Damit macht man dem Strike, dem Aufruhr kein Ende. Leute, aus denen man Nutzen zieht, müssen auch menschenwürdig behandelt werden. Es ist ja haarsträubend, in welch’ entsetzlichen Verhältnissen die unteren Classen leben. Wie das Vieh zusammengepfercht in dumpfen, lichtlosen Kellerwohnungen. Mit 50, 60 Kreuzern soll eine Familie von einem halben Dutzend Köpfen ihr Auskommen finden. Sie müssen ja da zu Grunde gehen und sind in jenem Alter, wo Kraft und Arbeitstüchtigkeit am größten sein sollten, Greise, weil das Maß der Sorgen zu schwer war für ihre Schultern. Jeder blutig erworbene Heller wird controliert, die Steuer dafür eingezogen, und dazu die ewig steigenden Preise! Man treibt sie ja gewaltsam dem Laster in die Arme. Diebstähle, Trunksucht, Selbstmorde, das sind die natürlichen Folgen.
Man hat leicht Geduld und Ergebenheit predigen, wenn man selbst in geordneten Verhältnissen lebt, — — ich aber finde, daß die guten, die „neidlosen“ Armen bewunderungswürdig sind. Und wenn der Funke der Unzufriedenheit zu lichterloher Flamme wird, wenn sie schließlich genug haben, sich zur Wehr setzen, ich würde denken: „Sie haben Recht“.
Wenn man immer und ewig Nieten in der Schicksalslotterie zieht, wie soll man da nicht verzagt werden und unwillkürlich fragen: „Warum gerade ich?“ Denn sich zu philosofischer Lebensanschauung aufzuschwingen, ist in diesen Kreisen ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Reichen aber lügen, wenn sie mit treuherzigen Mienen versichern, daß sie ihr Geld zusammenscharren zum Wohle der Allgemeinheit. „Verwalter unseres Vermögens“ — „nutzbringend für den Staat.“ Ja, schöner Nutzen das! Die Armen hungern und frieren, dieweil der Fiskus, dieses Ungeheuer mit dem bodenlosen Schlund, sich ins Fäustchen lacht.
Freiwillig geben die Besitzenden nicht nach: sie mit dem Schwerte in der Hand gefügig zu machen, wäre Unrecht. Moralisch also müssen sie gezwungen werden durch die legislative Gewalt. Dazu aber ist es erforderlich, daß sie sich in den Händen wohlmeinender Männer befinde, die die Interessen des Volkes auch wirklich wahren.
Bei der Mißwirtschaft, wie sie momentan in fast allen Parlamenten eingerissen hat, ist nichts für unsere Zwecke zu erreichen. Sie lesen doch die Zeitung?“
„Gewiß.“