Die düsteren Phantasien weichen einer großen Abgespanntheit. — Ich fühle mich müde wie ein geprügelter Hund, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Saison morte im Kopfe.
O, er hatte Recht. — — Mit welcher Gier ich meine Sensationen zergliedere. — — Ich war also nur scheintot gewesen, ich hatte mich für abgestumpft gehalten. — Zum Lachen. Mich nie anders gesehen wie als Matrone, etwas gebeugt, auf einen Stock gestützt, mit weißen Scheiteln und einem Spitzentuch darauf. — Und „Tante Mimi“ haben sie mich genannt, nie anders als „Tante Mimi“. —
Das hatte ich wirklich geglaubt, ich, mit meiner Eindrucksfähigkeit? Mein Ohr hört Töne, und ich sehe Farben, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Nuancen und Abstufungen, die man nicht festhalten kann, weil sie zerflattern, verschwinden, wie jene Blumen auf den Wiesen, die der leiseste Hauch hinwegfegt.
Warum bin ich auch hingegangen zu den lebendig Toten? Man hatte mich gewarnt. Nun wollen sie mir nicht aus dem Sinn, die armen Irren von San Clemente.
Wie ihr starrer Blick zu fragen schien: „Wer bist Du, und was willst Du?“ — — Doch nein, ihnen ist’s ja einerlei. Sie fragen nicht, sie wissen nichts. Was sie zu Menschen machte, das existiert nicht mehr.
Ich ließ mich überall herumführen. Hinter einem eisernen Gitter hält eine Frau mit wildem Pathos einen Vortrag: „Ich bin eine Königstochter und mit dem Prinzen Ottavio verlobt. Ich hab’ ein Riesenschloß und Diener und viel, viel Geld in großen Kisten. Wollt Ihr welches? — Da.“ Und sie macht die Bewegung des Ausstreuens.
Eine Greisin kauert mit blöder Miene auf dem Boden und macht ununterbrochen das Kreuzzeichen, klopft an ihre Brust und ruft: „Geh’, geh’ hinweg“. Dann verbirgt sie das Gesicht in den Händen, weil sie meint, den Teufel gesehen zu haben.
Der Krankensaal ist bis auf’s letzte Plätzchen angefüllt. Ein junges, schönes Mädchen ist darunter. — Sie dauert mich besonders. Weshalb? — Auch eine der unwillkürlichen Ungerechtigkeiten, daß wir mit schönen Menschen am meisten Mitleid haben.
In einer Einzelzelle sitzt eine Frau mit gefesselten Füßen auf dem Bett. Sie hält den Kopf gesenkt und scheint mit Jemand zu flüstern, während sie in den Händen unablässig ein schellenartiges Spielzeug dreht. Sie singt dazu mit klagender Stimme ein Lied. Die Wärterin streicht ihr das Haar aus der Stirne und frägt sie etwas. „Ma no, ma no“ erwidert sie beharrlich.
„Die Arme!“ Und die Wärterin erzählte uns, daß sie früher ganz normal war, bis die Eltern sie zu einer verhaßten Ehe zwangen. Seit dieser Zeit war die Schwermut über sie gekommen.