Wir kommen an einem halbverfallenen Schlößchen vorbei, von dem die Sage geht, daß nächtlicherweile Geister erstehen und allerlei Unfug treiben. Jeder, der einmal dort geschlafen, weiß Schauerliches zu berichten. Papa hatte mir erst kürzlich die Geschichte von den drei protestantischen Fräulein erzählt, die in der offenen Säulenhalle im Mondenschein lustwandelten. Brr! wie das grauenhaft war; ich bekam eine Gänsehaut bei der bloßen Vorstellung. Dann biegen wir in die Kastanienallee ein.
„Da schaun’s hin, Baroneß“, ruft mir Wenzel mit bezeichnender Peitschenbewegung zu. „’S Hannerl wartet schon.“
Da steht sie richtig, im schwarzen, glatten Wollkleid, das um Hals und Ärmel mit hellem Grätenstiche eingefaßt ist. Ein grelles Kopftuch verbirgt ihr halbes Gesicht, das weiß und rosig ist und so kugelrund wie ein Vollmond. Sie lacht und zeigt dabei eine Zahnlücke: in den Händen dreht sie in sichtlicher Befangenheit einen steifen Feldblumenstrauß. Wir lassen sie einsteigen. Die freudige Aufregung hat sie gänzlich verwirrt; es ist kein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen. Plötzlich bricht sie ohne jegliche Veranlassung in lautes Schluchzen aus. Wenzel weiß darüber Bescheid. „S’is so eine Gewohnheit von dem Mädel. Solang’s z’ Haus war; hat’s der Vater jeden Tag prügelt, g’rad um die Zeit, da is aus der Schul kommen und er hat auch schon sein Rausch g’habt. Da glaubt’s halt noch immer, es g’schieht ihr was.“
„Aber geh’ Hannerl, sei g’scheit“, tröstet sie die Tante. „Mimi hat Dir was Schönes mitgebracht.“ Das wirkt.
Der Wagen macht eine Biegung und wir fahren durch das breite Tor, auf dem der Reichsadler prangt, noch von Lehenszeiten her.
Vor mir liegt mein schönes, altes Steindorf. Zarter Lindenduft umweht uns und auf der ehemaligen Zugbrücke erwartet uns die ganze Familie. Das Herz klopft mir zum Zerspringen vor Wonne und doch unerklärlicher Angst. Ich wäre am liebsten jedem Einzelnen um den Hals gefallen und hätte ihm in beredten Worten meine namenlose Freude schildern mögen. Statt dessen fühle ich, wie mir brennende Röte die Wangen färbt und mir die Augen übergehen vor Verlegenheit.
„Also kommt, Ihr seid gewiß hungrig“, und Großmama geleitet uns in die Veranda. Entzückt betrachte ich das Wandgemälde; es hatte mir schon von jeher so besonders gut gefallen: Flora sitzt lächelnd und schön in einem Muschelwagen, den vier Genien an Seidenbändern ziehen. Ihr nach schweben noch andere Göttinen, mit Früchten und Ähren beladen. Es schmeckt mir vorzüglich. So ein schwarzes Landbutterbrot, Thee und Kirschen dazu — ich hätte mit keinem König getauscht.
In gehobener Stimmung betrete ich mein Zimmer. Ein ideales Nestchen, ganz weiß-rosa, so frisch und sommerlich. Blumen überall, zarte Schlingrosen auf den etwas verblaßten Tapeten und vollerblühte Centifolien in den Vasen. Über all dem schwebt jener unbeschreibliche Duft von Reinlichkeit und würziger Atmosphäre, wie er gutgelüfteten, lange nicht bewohnten Räumen eigen ist. Ist es Wirklichkeit oder träume ich? Ach, immer, immer hier bleiben; es wäre das Paradies!
Mit großer Umständlichkeit packe ich die Koffer aus und drücke Hannerl verschiedene Geschenke in die Hand. Sie ist außer sich vor Freude. Wir sind unzertrennlich. Aber endlich müssen wir doch zur Ruhe gehen.
„Gute Nacht, Hannerl.“