„Ich glaube keins von beiden, lieber Baron; viel eher geht ihr das rasche Fassungsvermögen ab; sie kann einfach nicht. Derlei Fälle sind mir schon in meiner Praxis untergekommen, da hilft eben kein „Muß“.“
Ich war, ohne es zu beabsichtigen, Zeuge dieses Gespräches gewesen. Doktor Vogler’s Verteidigungsrede erweckte das Selbstgefühl in mir. Hätte er Papa recht gegeben, mich träge, boshaft genannt, — aber schwachköpfig, borniert, — da durfte er nicht Recht behalten. Nein, um keinen Preis. Er sollte mich ganz anders beurteilen. Mein Entschluß stand fest und ich machte mich mit einem Fleiß und einer Energie an’s Studium, daß Alle staunten. Oft saß ich bis in die sinkende Nacht vor meinen Büchern, um das Versäumte nachzuholen und wurde in der Classe irgend eine schwierige Frage aufgeworfen, ich wußte stets Bescheid. Mein Stil besserte sich und die Schrift nahm einen bestimmten Charakter an.
Papa wußte sich diese plötzliche Umwandlung nicht zu erklären und Mère Walter sagte ihm: „Wenn sich ihrem Lerneifer auch noch die Frömmigkeit hinzugesellt, bleibt nichts zu wünschen übrig. Vorläufig fehlt ihr noch die Freude am Gebet, die Sehnsucht nach dem lieben Gott.“
Frommsein auf Commando, das schien mir eine hohe Forderung. Ob mein Gesicht dann auch einen so „glatten“ Ausdruck bekäme, wie das der Altgräfinnen! Leicht würde es mir keineswegs fallen, aber versuchen wollte ich’s. Mein einmal geweckter Ehrgeiz, zu excellieren in allen Dingen, nahm immer größere Dimensionen an.
Die Verhältnisse kamen mir zu Hilfe. Die Zeit war gekommen, zu der wir alljährlich „Exerzitien“ hielten. Es war eine Art beschaulicher Einkehr, eine Zeit des Schweigens, der Kasteiung, der Sühne und der Bitte um Erleuchtung.
Ein Jesuitenpater, ein anerkannt guter Redner, hielt uns Predigten, um uns in die nötige Weihestimmung zu versetzen. Mit Donnerstimme sprach er von den vier letzten Dingen: Tod, Gericht, Himmel und Hölle.
„Das Leben hienieden ist nur eine Pilgerfahrt, eine vorübergehende Reise, und töricht handeln Jene, die nur der Welt leben, vergessend des eigentlichen Zieles, das uns die göttliche Weisheit gesetzt, der eigentlichen Heimat, zu der dies Jammertal nur eine Brücke bildet.
„Wie Mancher bedenkt nicht, daß er aus dem Nichts hervorgegangen, daß dereinst sein Körper zu Asche wird, zum Fraß der Würmer. Erwacht bisweilen die warnende Stimme des Gewissens, sucht er sie zu betäuben: er stürzt sich in den Strudel der Vergnügungen und speichert Schätze auf, die Rost und Motten verzehren. So lebt er in den Tag hinein, ohne sich zu bessern, ohne zu bereuen.
„Kommt aber das Alter mit seinen Gebrechen, fühlt er seine letzte Stunde herannahen, dann sieht er mit Schrecken zurück auf den Weg, den er gegangen, auf die Zeit, die er so schlecht benützt. Seine Phantasie ergeht sich in den düstersten Vorstellungen, seine Gedanken jagen dahin, durch eine Wüste ohne Oase: kein freundliches Bild, keine lichte Huldgestalt, kein Verdienst, kein gutes Werk. Und der Sünder zittert. Wenn er vor den Thron des Allerhöchsten tritt mit leeren Händen, wenn er nichts in die Wagschale zu legen hat, das zu seinen Gunsten spricht, dann lautet der göttliche Richterspruch: „Gewogen und zu leicht befunden.“ „Herrgott,“ so fleht der Sterbende, „sei barmherzig. Laß mich genesen und ich will Dir dienen als der niedrigste und getreueste Deiner Knechte.“ Aber es ist zu spät. Schon huschen die Schatten des Todes über das fahle Gesicht, der Atem geht schwer und eisige Kälte steigt von den Füßen, immer höher, immer höher. Die glanzlosen Augen weit geöffnet, das Gehör ins Unendliche verfeinert, so liegt er da, unfähig sich zu rühren, und hört, wie sie im Nebenzimmer flüstern. „Er lebt zu lange; er sollte sich beeilen,“ so meinen die lachenden Erben.
„Das Gefühl ohnmächtiger Schwäche, das Bewußtsein eines nutzlosen Lebens, pressen ihm heiße Thränen aus den Augen, die einzigen vielleicht, die er je geweint. „Nur noch einmal von vorn — beginnen.“ Das Herz steht still und eine mitleidige Hand drückt ihm die Augen zu.