„Und glauben Sie mir, teuere Kinder in Christo,“ fährt der Pater fort, „es gibt keinen Menschen, der nicht im letzten Augenblick bereut, sofern der Allmächtige ihm die Gnade erweist, ihn nicht unvorbereitet abzurufen. Selbst Voltaire, jener Lästerer, jener berüchtigte Freigeist, der in Wort und Schrift seinen Gott verleugnet, ihn frech in den Staub gezerrt, der ein Ausgestoßener aus der kirchlichen Gemeinde, böses Beispiel gab, er schickte um den Priester, als er sein Ende herannahen fühlte.

„Betrachten Sie hingegen einen heiligen Aloysius, einen Stanislaus Kostka, die Jubellieder singend, ihren Geist aufgeben, um in die ewige Herrlichkeit einzugehen! Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott Jenen bereitet, die ihn lieben.“

In schwungvollen Worten schildert er die himmlischen Wonnen. Auf lichten Wolken schweben die Seligen dahin, und Cherubime spielen Harfe und streuen Weihrauch ihrem Herrn. Dann versetzt er uns in die Hölle und läßt die qualvollsten Martern vor unserem geistigen Auge vorüberziehen, daß wir uns fröstelnd in unsere Tücher hüllen.

„Tod und Hölle.“ Es klang furchtbar. Ich wollte nicht daran denken, und doch — immer wieder drängte sich die Frage in den Vordergrund: „Und wenn Du jetzt stürbest, was dann?“ Schwere Sünden auf der Seele — ewige Verdammnis. Ich sah die Flammen züngeln, hörte die Teufel höhnisch lachen und die Höllenuhr schaurig ticken: „Immer, nimmer.“ „Immer, nimmer.“

Wenn ich aber meine Fehler in der Einbildung übertrieb, wenn es nur läßliche Sünden wären, die ein frommer Stoßseufzer, eine kleine Überwindung reinwaschen können? Und bei der Vorstellung des Himmels stieg es mir wohlig warm zum Herzen. Ja, dorthin wollte ich kommen. „Maria und Ihr lieben Heiligen weist mir den Weg.“ Der Pater sprach mit bebender Begeisterung von der unbefleckten Gottesmutter. „Sie blickt voll Liebe auf ihre Kinder herab, möchte sie allesamt in ihre schützenden Arme nehmen, ihnen helfen, ihnen beistehen. Könnte sie weinen, welch’ bittere Thränen würde sie vergießen, wenn Eines ihrer Schutzbefohlenen vom rechten Pfade abweicht. Und hätt’ ich alles Gold, alle Edelsteine der Welt,“ schloß er mit Feuer, „ich wollt’ sie Dir zu Füßen legen, Du immerdar gebenedeite Jungfrau, Du süße Himmelskönigin.“ Eine Weile blieb es ganz still, dann tönte lautes Schluchzen durch den Saal.

Lächelnd sieht Mater admirabilis vom Bild auf uns hernieder. Wie schön es ist, das junge unberührte Mädchen im Tempel zu Jerusalem. Sie sitzt da, im schlichten Rosakleid, sinnend, traumverloren. Den Fuß hat sie auf einen Schemel gestützt; ihr zur Seite stehen Spinnrocken und Arbeitskorb. Ob sie wohl freundliche Bilder sieht, ob düsteres Ahnen sie beschleicht, davon sagen die kindlich frommen Züge nichts. Du zarte Rosenknospe — in einem armen Stall zu Bethlehem, und auf dem Berge Golgotha. Welch’ namenloses Leid!

In gehobener Stimmung traf ich meine Vorbereitungen zur Beichte. Wie leichtsinnig war ich bis dahin gewesen, wie wenig galten mir Reue und Vorsätze. Das mußte sich nun ändern. Eine entsetzliche Angst stieg in mir auf. Wie, wenn ich das Sakrament ungültig empfangen hätte! Ein Glück noch, daß ich bisher nicht zur Communion gegangen. Judas Ischariot hatte seinen Herrn verraten. Tod — Hölle!! Ich warf mich vor Mère Walter auf die Knie: „Mutter, ich weiß nicht, wie mir ist und was ich tun soll?“

„Die Gnade Gottes hält ihren Einzug in Dein Herz, mein Kind. Ich sah es kommen und danke dem Herrn. Betrachte Deinen jetzigen Zustand als wohlverdiente Prüfung, denn, wen Gott liebt, den züchtigt er. Was Deine Befürchtungen anbelangt, so war es ja nicht absichtliche Herausforderung, böser Wille“, tröstete sie. „Ich glaube, Du wirst Dich nun würdig vorbereiten auf Deine erste Communion.“

Augenblicklich beruhigt verließ ich Mère Walter. Aber die Windstille war trügerisch und die Skrupel ließen sich nicht bannen. Die Prüfungen hielten an und böse Zeiten kamen für mich, da ich es nie vermocht, die goldene Mittelstraße einzuhalten, sondern stets von einem Extrem ins andere verfiel.

**
*