Mir war zu Mute, als gienge ich über eine steinige, unebene Straße und ich blickte bei jedem Schritt ängstlich zu Boden, um nicht zu stolpern. Und je mehr ich Acht gab, desto ängstlicher wurde mein Gang, desto unsicherer mein Blick. Ich sah Gespenster am helllichten Tage, Fehler dort, wo selbst die größte Heiligkeit keine gefunden hätte. Des Sonntags saß ich stundenlang müßig auf dem Canapee und quälte mich mit Betrachtungen über meine Sündhaftigkeit ab. Schreiben, nähen — meine überspannte Phantasie spiegelte mir das als „knechtische Arbeit“ vor. Ja nicht einmal die Goldfische bekamen Futter und die Blumen blieben ohne Wasser. Lesen? Es hätte mich verlockt, aber Mère Walter, der ich meinen Büchervorrat zur Controlle übergeben, hatte ihn als „mauvais genre“ bezeichnet und konfisciert. Und schon in den frommen Erzählungen fanden sich Dinge vor, die meinen Geist unwillkürlich beschäftigten und das waren — Vergehen gegen das sechste Gebot.

Meine Beichten! Ich war unglücklich, da ich immer fürchtete, zu wenig zu sagen und nicht die richtigen Ausdrücke fand: Mère Walter beleidigt, da ich ihren Vorstellungen kein Gehör schenkte. Sie hatte mir gut wiederholen: „Glaub’ mir doch, Mimi, es ist ganz einerlei, ob Du das an einem Sonntag oder einem anderen Tag um 12 Uhr oder um 2 Uhr getan hast. Du ergehst Dich in unnötigen Längen und setzest die Geduld Deiner Gefährtinnen auf die Probe“, sie überzeugte mich doch nicht.

Der Pater wetzte schon und fuhr sich mit seinem Taschentuch wiederholt über die Stirne.

„Ich habe noch etwas getan, aber ich kann es nicht sagen.“

„Doch, doch mein Kind. Dem Beichtvater kann man Alles anvertrauen.“

„Ich weiß aber nicht, wie ich anfangen soll. Bitte, raten Sie, Hochwürden: es ist so schwer.“ Im selben Moment stieg mir aber der Gedanke auf, daß ich ein Sakrilegium begehe, weil ich ihn zu unzüchtigen Vorstellungen verleite. „Gar so arg ist es vielleicht nicht — weil die Klosterfrauen auch nicht — eigentlich habe ich nichts begangen — sondern unterlassen — — ich — es geht nicht — —“

„Ja dann ist’s auch für mich schwer, ich muß doch wissen, worum es sich handelt.“

Mère Walter, die im Hintergrunde saß, machte sich schon geraume Zeit durch Räuspern bemerkbar: das hieß, ich möge mich beeilen.

Nach endlosem Hin und Her bekannte ich dem verblüfften Pater, daß ich nicht den Mut besaß, eine Operation vorzunehmen, wie es das Lexikon von den Amazonen berichtete. Ich hatte so schrecklich Angst davor; ob er vielleicht ein Mittel wisse, das durch bloßes Einnehmen wirke. Jetzt war es endlich heraußen, Ah! Ich wagte wieder den Blick zu erheben — doch wer beschreibt meine Bestürzung, als ich keine Spur von heiliger Sammlung in des Seelsorgers Zügen las, sondern im Gegenteil den Ausdruck höchster Belustigung. Um seine Mundwinkel zuckte es von unbändiger Lachlust und helle Tränen rannen über seine Wangen. „Aber liebes Kind, was fällt Ihnen ein, den Körper, den Gott geschaffen, ändern zu wollen? Nein, da seien Sie ganz beruhigt. So und nun gehen Sie.“

Ich gieng, kehrte aber auf halbem Wege um, um mich noch einer kleinen Eitelkeit anzuklagen. Dann kniete ich nieder, und den Kopf in den Händen vergraben, um nur ja von außen her keine Ablenkung zu erfahren, sagte ich meine Buße her, jedes einzelne Wort artikulierend. „Gegrüßet seist Du, Maria“, dabei stellte ich mir die bunte Marienstatue im Studiensaal vor, das rote Kleid und den blauen Mantel — richtig, auf den Goldsaum hatte ich vergessen und ich strengte meine Kopfnerven an, zwang sie zu solcher Intensivität der Vision, bis sie mir zu Diensten waren. Die Stirne glühte mir und die Lippen bluteten, so fest hatte ich die Zähne darauf gepreßt. „Du bist voll der Gnaden“ — bei diesen Worten mußte ein verzückter Ausdruck über ihre Züge gleiten — „der Herr ist mit Dir“ — da stand sie Hand in Hand mit dem Christus, wie ihn das Altarbild zeigte. Eine krankhafte aufreibende Andacht, nach der sich ein lebhaftes Schlafbedürfniß geltend machte.