Ich zitterte, unwissentlich eine Sünde zu begehen, wieder in den Stand der Ungnade zu verfallen. Hätte ich im Kloster bleiben dürfen, fern dem Weltgetriebe, Mère Walter in meine jeweiligen Bedenken einweihen; einen Halt haben, eine Stütze, nur nicht so mir selbst überlassen, so verloren!
Zu Hause schlich ich mich in Papas Zimmer und kehrte das Bild „Nymphen im Bade“ gegen die Wand; das hatte ich schon längst beabsichtigt.
Von nun an machte ich keinen Gebrauch mehr von der Freitags-Dispens, legte mir bei meinen Lieblingsspeisen Abbruch auf, und wenn Chocoladencrème kam, verzichtete ich gänzlich darauf. Selbst Papa fand das übertrieben, und als er eine diesbezügliche Äußerung fallen ließ, riet ihm Doktor Vogler, mich beizeiten aus dem Kloster zu nehmen, wenn er nicht noch ganz andere Folgen erleben wolle. Tötlicher Schreck erfaßte mich, denn der Wunsch war in mir erwacht, den irdischen Freuden für immer zu entsagen und in den Dienst des Herrn zu treten.
Freilich, wenn ich auf der Gasse gieng und laute Bewunderungsrufe über mein selten schönes Haar vernahm, schien mir mein Entschluß förmlich unausführbar. — — Hinterher schämte ich mich sehr über meine Kleinlichkeit. — Wie, das sollte mir mein himmlischer Bräutigam nicht wert sein, und glückdurchdrungen stellte ich mir vor, wie mein dicker blonder Zopf der Scheere zum Opfer fallen würde. — Dann Ade auf immer, Du sündige Welt!
Sogar über die Wahl des Ordens war ich schon ziemlich im Klaren mit mir. Es lag nahe, in jenem einzutreten, in dem ich meine eigene Erziehung genossen, aber ich fühlte mich zu unsicher, zu häufigen Schwankungen unterworfen, um junge Geschöpfe mit Erfolg zu lehren. Ich besaß noch gesundes Urteil genug, um einzusehen, daß es grausam gewesen wäre, sie mit meinen Skrupeln, meiner schwarzen Intoleranz anzustecken. Nein, ich paßte weit eher in einen „betenden Orden“ und da sagten mir die Trappistinnen am meisten zu.
Ich hatte einmal ein Bild gesehen, eine Nonne, die mit ihrem Heiland spricht. Sie kniet allein in der dämmerigen Kirche; der rötliche Schein des ewigen Lichtes fällt auf ihre müden Züge und scheint ihnen Farbe aufzuhauchen. Teilnamslos für Alles um sie her, gänzlich versunken in ihre Andacht, so stellt sie das Gemälde dar. Ich wollte werden wie jene Beterin, die leichten Herzens ihrem Gotte dient, stumm an ihrem Grabe gräbt und ein „memento mori“ murmelt, wenn sie einer Mitschwester begegnet.
Als ich einmal von meiner Absicht verlauten ließ, geriet Doktor Vogler in arge Erregung. „Die barmherzigen Schwestern, die leisten Tüchtiges, Hut ab vor ihnen. Die lehrenden Orden haben am Ende auch noch einen Zweck, obwohl — — aber die der „ewigen Anbetung.“ — Tagdiebe, die sich ihnen weihen, hirnverbrannte Köpfe, die reif sind für das Irrenhaus. Es ist eine strafbare Vergeudung der Kräfte, die in dieser Anwendung totes Kapital bedeuten, und der Menschheit nicht den geringsten Nutzen bringen. Eine Schädigung der Gesellschaft ist es, die von Jedermann das Recht hat, zu fordern, daß er ihr seinen Tribut leiste, in physischer oder moralischer Beziehung. Ein zweckloses, widerwärtiges Schauspiel, dieses Absterben bei lebendigem Leibe; ein Fanatismus, unschön und gefährlich, wie der der Derwische. Ja, das Leben soll man genießen, das ist natürlich und vernünftig.“
Welche verkehrte Auffassung der Dinge. Als ob der Körper, die Befriedigung der leiblichen Wünsche Alles wäre! — Eine unbequeme Hülle ist’s, die nur zu häufig unsere Seele hemmt, sich aufzuschwingen in reinere Sphären. Es schien mir so unfaßlich, daß es Leute gab, denen diese kurze Frist hieniden mehr oder gleichwert war mit der Ewigkeit. Eins nur war richtig: Zu büßen für begangenes Unrecht, unsere Schuld nach Möglichkeit abtragen, um der Pein des Fegefeuers zu entgehen; unser Inneres läutern und unausgesetzt fortschreiten auf dem Wege der Vollkommenheit.
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„Freue Dich Seele, Dein Heiland ist frei von den Banden,