So schwer war es also, einen einzigen Tag nicht zu fallen.

Mein Gott vergib!

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Doktor Vogler’s gelegentliche Ausfälle gegen die Klostererziehung hatten offenbar doch Eindruck auf Papa gemacht, denn er ersann kleine Zerstreuungen, um mich aus meinem dumpfen Hinbrüten zu reißen.

Im Grunde billigte er es sehr, wenn ein Mädchen den Schleier nahm, aber wenn man nur eine einzige Tochter hat, wenn man zudem daran denkt, in Pension zu gehen, sich ganz in seine vier Mauern zurückziehen, da kann man ein wenig Sonnenschein, ein junges frisches Geschöpf schwer entbehren. Gewiß. Mimi sollte brav und fromm sein — er vermochte nicht, diese beiden Begriffe zu trennen — aber nicht in’s Kloster gehen, sondern seine kleine Hausfrau spielen, im halbverfallenen Gespensterschloß bei Steindorf.

Als er mir zum erstenmale davon sprach, konnte ich ein gewisses Staunen nicht unterdrücken. Ich wußte, wie sehr Mama das Leben auf dem Lande haßte, und daß sie diesem Projekte nie zugestimmt hätte.

Übrigens mit der Ausführung des Planes hatte es noch Zeit. Ich brauchte ja noch zwei Jahre, um meine Erziehung zu vollenden.

Vorläufig gab es ab und zu kleine Zerstreuungen und die Evatochter verleugnete sich noch nicht ganz in der künftigen Nonne.

Robert, der in Wien studierte, besuchte uns allwöchentlich. Dann lauschte ich, die Hände im Schoß gefaltet, dem Gespräche der Beiden, das sich um die erbaulichsten Dinge drehte. Als zukünftiger Officier und als guter Katholik lautete sein Wahlspruch: „Mit Gott und mit dem Schwerte.“ Das imponierte mir. Wenn Papa bei festlichen Anlässen die Dragoneruniform trug, da begriff ich sehr gut, daß auch der Neffe den schmucken Rock erwählte. „Es ist doch der schönste Beruf,“ erklärte er bestimmt, und dann, es liegt mir so im Blute. Die Steindorf sind von jeher auf ihrem Posten gestanden, wenn es hieß das Vaterland zu schützen. Oh, es muß herrlich sein, so ein frischer fröhlicher Krieg, wenn die Rosse schnauben, die Kugeln pfeifen und ein lustiges Lagerfeuer brennt. Er hopste vor Begeisterung auf seinem Stuhl herum, klatschte mit den Handflächen auf die dicken Schenkel und stieß heisere Schreie aus, die an das „Schrecken“ eines Rehbockes erinnerten. Robert, mein Märchenprinz, hatte nicht gehalten, was er versprochen. Er machte einen unbedeutenden, etwas komischen Eindruck. Mittelgroß, eher untersetzt, blonde in die Stirn gekämmte Haare, wasserblaue Augen, so sah mein Vetter aus. Dabei aber von sich eingenommen und ein „Hochhinaus“. Wenn er erst Officier wäre! Das nimmt sich doch ganz anders aus als so ein schäbiger Civilist! Ja, glänzen wollte er, eine Rolle spielen, die Freiherrnkrone weithin schimmern machen, die arme Freiherrnkrone, auf der nur mehr eine ganz, ganz dünne Goldschicht lag, so dünn, daß es nur für 10 Gulden Taschengeld reichte und zur Pension bei „Mumelinkele“, so wurde nämlich seine Quartierfrau von ihren Angehörigen genannt. O, sie war eine entsetzliche Hexe und Robert wußte Schaudergeschichten zu erzählen, „die gewiß zu zwei Drittel wahr“ waren, wie er uns versicherte. — Im Aufschneiden war er nämlich unerreichbar: ein Blick zur Decke und er hatte die nettesten Geschichtchen erfunden. „Mumelinkele“ ging in einem Anzug aus Wachsleinwand herum, damit man die Flecke nicht so sehe, „Mumelinkele“ machte den Salat im Lavoir an und tischte ihren Kostgängern Leber von so ehrwürdigem Alter auf, daß selbst die Hunde sie verschmähten.

Mamas Antipathie gegen Alles was „Steindorf“ hieß, ging so weit, daß sie sich nur für ein paar Minuten zeigte, wenn Robert anwesend war. Sie blieb auch zu Hause, wenn wir zu Vieren — denn Doktor Vogler schloß sich uns an, so oft es seine Zeit erlaubte — Ausflüge in den Prater oder weiter in die Umgebung unternahmen. Ich bedauerte es nicht, denn ich entgieng dadurch der mir verhaßten Pferdebahn. Mama, die ungern Bewegung machte und die einen Wagen zu teuer fand, benutzte stets die Tramway. Mir war das Drängen der Menge, das Püffe austeilen und empfangen greulich: lieber wollte ich stundenlang bei strömendem Regen gehen, als mich in diesen dumpfigen Kasten einpferchen.