Die „christliche Demut“ hatte noch nicht vermocht, die böse Hoffart in mir zu ersticken. Und ich wollte den Genüssen der Welt entsagen, ich mit meinem angeborenen Sehnen nach den kleinen Raffinements des Lebens, nach Luxus und Eleganz? Da hieß es mutig kämpfen, lange, unverzagt. So viele Schlacken, so viele niedere Instinkte hafteten mir an; meine Eitelkeit war größer denn je und verfolgte mich bis in die dem Gebet geweihten Stunden.

Großmama hatte mir ein Kleid geschickt, ein Kleid! Weißer Battiste mit Fliedersträußchen und lila Schleifen. Dazu die ausgeschnittenen Schuhe und den Strohut! Wie da die Leute schauen würden! Ach, wenn es nur schon Sonntag wäre!

Meine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Papa nickte mir sehr befriedigt zu, die Andern zollten mir lebhaften Beifall, nur Robert stand da mit weitaufgerissenem Mund und schien sich noch immer nicht von seinem Staunen erholt zu haben. Endlich fand er die Sprache wieder und benützte sie, um mir die schmeichelhaftesten Dinge zu sagen. Im Grunde genommen, waren es die armseligsten Banalitäten, aber damals! — — Das erste Kompliment! Der Backfisch verliert etwas von seiner Unbefangenheit, beginnt zu ahnen. Die Wangen glühen, die Augen leuchten und er geht so leicht, so schwebend. Weshalb? — Die Puppe, die unter Blättern verborgen, den Winter verbracht, das unbeholfene formlose Ding hat die Hülle gesprengt, und fühlt sich „Schmetterling.“ Der reckt die zarten Flügel und flattert davon in den blauen Morgen, in den nächsten Garten, zu der schönsten Blume. Betäubt von dem Dufte ihres Atems, unwiderstehlich angezogen von der Pracht ihrer Farben, küßt er den rosigen Kelch. — Er küßt und küßt immer wieder — — — er kann es nicht mehr lassen. — Und die Blumen lächeln — und die Blumen weinen.

Robert schien ordentlich stolz auf mich zu sein, denn er wich nicht von meiner Seite, sah die Vorbeigehenden mit herausfordernder Miene an und maß alle jungen Mädchen mit höchst geringschätzenden Blicken.

„Das nennt man Belagerungszustand“, erklärte Doktor Vogler und Papa versetzte belustigt: „Ja, was ein Hacken werden will, krümmt sich beizeiten.“ Er war überhaupt in bester Laune, wie es sich für einen „Wurstelprater Nachmittag“ gehört.

Wir fuhren auf der Rutschbahn und im Ringelspiel, schossen nach der Scheibe, besahen uns Taucher und Zwerge und soupierten in einer Restauration. Die Musik spielte, dienstbeflissene Kellner trugen enorme Tassen herum, und ein Duft von Braten und Citrone verdrängte zeitweilig den würzigen Hauch der frühjahrlichen Natur. Schneeige Kastanienblüten hüpften wie kecke kleine Ballerinen zur Erde und die Gasflammen flackerten unstät in der Abendluft. Das laute Sprechen und Gelächter der zahlreichen Gesellschaft übertönte gar häufig die bald übermütigen, bald schwärmerischen Wienerweisen.

Robert schlang mit Heißhunger und Wonne die gereichten Portionen hinunter, und als er damit zu Ende, sah er mich mit schwimmenden Äuglein an, in denen es wie tröstliche Verheißungen lag: „Jetzt kommst Du wieder an die Reihe.“ Auch mir war der Wein etwas zu Kopfe gestiegen, oder war es die laue Frühlingsnacht, die süßen Melodien, der Siegesrausch, den jedes Mädchen empfindet, wenn es sich seiner Jugend und Schönheit bewußt wird?

Durch die dunklen Laubgänge traten wir den Heimweg an. Der Vetter bot mir galant den Arm — offenbar fühlte er sich wieder mein Beschützer wie in unserer Kinderzeit — und seine Gedanken flogen zurück in die Vergangenheit.

Reminiscenzen „es war einmal.“ Ein Zauber von Poesie liegt über den ängstlich geflüsterten Worten. Man wagt es ja nicht, laut zu sprechen, aus Furcht, das Phantasiegebilde könne bei einer etwas derben Berührung in Staub zerfallen.

Du unerforschliche Hexenmeisterin, von den Menschen Zeit genannt, die Du ewig bist, die Du schon längst im Grabe ruhst, uns wie unser Schatten verfolgst und Dich ins Unendliche verjüngst, wie viel Thorheit, wie viel namenlose Thorheit ruht in Deinem Schoß! — Wärest Du ein lebendes Wesen, Du müßtest lachen, lachen bis Dir die hellen Tränen herunterrinnen, lachen ohne Unterlaß.