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„Weißt Du auch mein Kind, daß Du auf dem besten Wege bist, eine Egoistin zu werden. Deine Gedanken drehen sich um eine einzige Person, und das bist Du. Sei nicht so kleinlich, vergiß nicht ob dem eigenen „Ich“ die Interessen der streitenden Kirche: bete für die Sünder, die Ungläubigen. Wenn Du dem Heiland eine einzige Seele zuführst, tust Du ein viel verdienstlicheres Werk, als wenn Du Dich mit unnützen Bedenken abquälst.“

Und übereinstimmend mit Mère Walters Ermahnungen lautete das Evangelium, das uns der Geistliche von der Kanzel herab verkündete.

„In der Zeit sprach der Herr Jesus: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe. Der Mietling aber, der kein Hirt ist, und dem die Schafe nicht zugehören, sieht den Wolf kommen, verläßt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe. Der Mietling flieht, eben weil er Mietling ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben für meine Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, welche nicht aus diesem Schafstalle sind; auch diese muß ich herbeiführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird Ein Schafstall und Ein Hirt werden.“.

Nie vorher war mir dieses Evangelium so schön erschienen ... Oder hatte es mir nur an dem nötigen Verständnis gefehlt? — — Wie leises Zephirsäuseln, wie das Streicheln einer weichen Hand berührten mich die schlichten Worte: sie lösten die harte Rinde, die mein Herz umgaben und eröffneten es dem Geist der Liebe.

„Doktor Vogler“. Wie eine Eingebung von oben, wie die Stimme einer anderen Welt tönte dieser Name durch mein Inneres. Was hatte es nur für eine Bewandtnis damit? Im ersten Augenblick verblüfft, begriff ich alsbald. — Gehörte doch auch er zur Schaar der „Verlorenen“. Er hatte den Glauben seiner Kindheit, diesen starken Steuermann, über Bord geworfen und leitete allein das Fahrzeug. Früher oder später mußte es versinken in schwarze, schwarze Tiefe. Wie war es nur möglich, daß ich nicht schon längst daran gedacht? Wann mochte er wohl zum letztenmale bei der Beichte gewesen sein? — — Ja, ich wollte, ich mußte ihn den Krallen des Bösen entreißen und in die heilige Kirche führen. — — Noch war es nicht zu spät — er hatte ja selbst wiederholt gesagt, daß jeder Arzt, auch wenn er das unbarmherzige Todesurteil ausgesprochen, einem Hoffnungsschimmer Raum läßt, der erst mit dem letzten Atemzug des Kranken erlischt.

Wie er überhaupt so gütig war, so voll Mitleid gegen seine leidenden Mitmenschen! „Es ist das Schrecklichste, an einem Schmerzenslager zu stehen und nicht helfen zu können.“ Und da er so warm empfand, so oft uneigennützig Hilfe spendete, — wie konnte er so „sündhaft“ sein? Vielleicht bedurfte er gar nicht des Glaubens. — O Gott, vergib den Zweifel — vielleicht war er besser als so mancher Frommer!

Aber, — wenn er plötzlich stürbe! Es war nicht unmöglich: er litt an einem Herzleiden — wenn er — ohne zu bereuen — und bei diesem Gedanken erfüllte mich ein Weh, so peinigend, so tief, daß es mir einen Seufzer erpreßte: „Du lieber, barmherziger Gott, schenk’ ihm die Gesundheit, erhalte ihn am Leben. Dir empfehle ich auch seine Seele: Du, die Vollkommenheit selbst, der Du die Sünder liebst und die Gefallenen stützest, laß auch dieses Schäflein nicht zu Grunde gehen.“

Ja, ich wollte ihn bekehren und lebte nur mehr dieser Idee. Aber wie beginnen? Ein unvorsichtiger Schritt konnte das Ganze verderben. Und dann, würde ich den Mut besitzen, zu sprechen?

Nein, es war klüger, zu warten, bis sich eine geeignete Gelegenheit bot.