Pünktlichkeit schien nicht gerade ihre starke Seite zu sein. Wir warteten schon eine geraume Weile, als Mère Walter hereingestürmt kam und uns geheimnisvoll zuflüsterte: „Attention mes enfants, la révérende Mère.“ Gleichzeitig intonierte das Harmonium ein frommes Lied und die Zöglinge stimmten mit ein.

Tiefe Verbeugung beim Eintritt der Erwarteten. Alle setzen sich. Mère Walter klappt ein großes dunkles Heft auf, lächelt mit verbindlicher Miene der Oberin zu, und beginnt dann die Verlesung. Eine endlose, immer gleichförmige Litanei von lauter „Sehr gut“, „sehr gut“, „gut“, die mich bei Weitem weniger fesselt, als das Gesicht der ehrwürdigen Mutter. Um ihren zahnlosen Kiefer zuckt es wie unausgesetzte Blitze und der große Kopf baumelt im Takte auf und ab. Es erinnert mich an die chinesische Pagode auf unserem Kamin zu Hause und diese Ähnlichkeit macht sie mir sympatisch. Ob sie wohl besser, sanfter ist als die Anderen? Da plötzlich werde ich aus meiner Betrachtung aufgeschreckt.

„Mimi Steindorf, ziemlich gut.“

Mechanisch stelle ich mich vor den Tisch, mache einen ungeschickten Knix und streckte meine Hand aus, um die Karte in Empfang zu nehmen.

„Es sind Klagen über Dich eingelaufen, Kind“, — wie rauh und unangenehm ihre Stimme klingt — „Du mußt Dein Benehmen ändern und Mère Walter um Verzeihung bitten,“ und da ich zögere: „Nun, wird es? — schnell.“

„Ich habe nichts getan.“

„Was? — Schäme Dich. Ich verbitte mir solche Antworten. Senke den Blick. Mère Walter, halten Sie ihr heute eine Vorlesung über die christliche Demut; sie scheint es dringend zu benötigen.“ Rote Flecke zeigen sich bei diesen Worten auf ihren fahlen Wangen und lassen das Gesicht geradezu abschreckend erscheinen. Es gleicht der gepuderten, clownartigen Maske eines Perlhuhnes.

Nach diesem Vorgang spürte ich nicht die geringste Reue. Im Gegenteil: ich nahm mir vor, „wirklich schlimm“ zu sein, so daß sie es nicht länger mit mir aushielten und mich zurückschicken müßten. Ich lernte absolut nichts, schnitt Mère Walter Grimmassen und schrieb einen kläglichen Brief an Papa, der aber nie an seine Bestimmung gelangte, da er der strengen Censur nicht Stand gehalten hatte.

Meine Eltern besuchten mich nach einem Vierteljahre und durch meine Bitten schwach gemacht, erlösten sie mich zum Teil von meiner Qual, indem sie mich „Externe“ werden ließen. Vielleicht empfanden sie auch Gewissensbisse, als sie mein blasses Gesicht, die schlechte Haltung gewahrten.

Freilich, ich hatte die Disteln nicht gerade gegen Rosen vertauscht. Gleich zu Anfang schienen mir meine Eltern gänzlich verändert. Die alte Zärtlichkeit war einem lauernden Mißtrauen gewichen, und ich wußte nur zu wohl, wer dieses Gift in ihre Seele geträufelt hatte. Von Natur aus zurückhaltend in meinen Liebesbeweisen, wartete ich unbewußt auf Entgegenkommen. Doch vergeblich.