„Eine ungesunde Temperatur; um diese Zeit gibt es die meisten Krankheiten“, bemerkte Papa. „Eine abscheuliche Sache, das Kranksein.“

Wir waren auf dem Friedhof angelangt. Wie seltsam dieser Garten mitten im Winter! An den Frühling mußt’ ich denken, wenn der Flieder blüht und Leuchtkäfer schwirren. — — Das ganze Dorf war hergepilgert, um seinen Toten ein inniges Gebet zu weihen, eine stille Träne nachzuweinen. Kränze, Perlenkronen, Lichter um jedes Kreuz. —

Ganz abseits aber, hart an der Mauer, lag ein verwahrlostes Grab, ohne Inschrift, ohne Blumenspende. Ich äußerte mein Befremden darüber.

„Es ist ein Jägerjung, der einen Selbstmord begangen und darum kein Anrecht auf geweihte Erde hat“, erklärte mir Papa.

„Sich umgebracht. Der Arme! Da muß er wohl recht unglücklich gewesen sein?“

„Die Leute sagen so — eine Liebesgeschichte.“

Es war zum erstenmale, daß Papa dieses Wort vor mir ausgesprochen: bisher hatte er es fast ängstlich vermieden. Ich blickte ihn unwillkürlich an. Er brach ein Tannenreis ab und legte es in sein Notizbuch. Ein weicher, gütiger Ausdruck lag auf seinem Gesicht — er wandte sich nochmals um — dann traten wir den Heimweg an.

„Mimi.“

„Ja, Papa.“

Er schob seinen Arm unter den meinen. „Du bist doch jetzt ein großes verständiges Mädchen, mit dem man über ernste Dinge reden kann?“ In seinem Ton lag etwas, das mir wehe tat. „Es ist nur für alle Fälle, erschrick nicht,“ fügte er beschwichtigend hinzu. „Wenn mir nämlich etwas zustoßen sollte —“