„Nein, nein, sprich nicht davon,“ fiel ich ihm ins Wort und Tränen traten mir in die Augen. Da er so vertrauensvoll, fast zaghaft zu mir redete, erwachte zum erstenmale die Kindesliebe in mir. Ich wollte ihn verteidigen, schützen gegen den Sensenmann.

„Sei gescheit, Mimi. Einmal wird es ja doch sein, das bleibt Keinem erspart, und da ist’s immer besser, so lange es noch Zeit ist. — — Du weißt, daß ich nicht reich bin — — aber ich hinterlasse Dir doch genügend, um eine angenehme, sorgenfreie Existenz zu führen. Du bist auf Niemandes Gnade angewiesen und brauchst keinem Menschen zur Last zu fallen. — — Ich habe für Dich gespart, wenn Du Dich auch innerlich darüber aufhieltest. — — — Und wenn Du einmal Einen vom Herzen gern hast und er ein braver, ehrenhafter Mensch ist — nimm ihn. Sieh nicht nach Geld aus — wenn er einen Beruf hat und genügend zu leben, dann heiratet Euch.“

„Papa.“ Ich drückte seinen Arm. Einen Moment kam mir die Idee, daß er an Vincenz dachte, doch ich wagte nicht zu fragen. — „Ja, dann heiratet Euch und wenn er einen andern Glauben hätte, dann — — trachte ihn der heiligen Kirche zu gewinnen. — — — Ich habe — — früher einmal die Andersgläubigen gehaßt — — es war schweres Unrecht — und ich bereue es.“ Er seufzte tief. „Ja, die Verblendung.“ Dann fuhr er fort: „Falls Deine Mutter ein zweitesmal wählt, leg’ ihr kein Hindernis in den Weg. Sie ist ja am Ende noch jung und ich glaube nicht, daß sie ihr Anrecht auf Lebensglück verleugnen wird.“ Er hielt inne und fügte dann zögernd hinzu: „Ich möchte ohne Prunk, in aller Stille zu Sahning begraben werden. Ich erwähne es übrigens noch ausdrücklich in meinem Testament. Dort in der Gruft werd’ ich mich heimisch fühlen. Es schläft schon lange Jemand dort — — es hat nicht sollen sein.“

Übermannt von den Eindrücken, die so unerwartet auf mich einstürmten, und mir meinen Vater in so schönem Lichte zeigten, weinte ich still in mich hinein. So war die Gleichgültigkeit, seine mißmutige Art nur Maske — das Schicksal hatte sie ihm aufgedrängt. Armer Papa, hätt’ ich das früher gewußt: aber Du hieltest mich so ängstlich Deinem Innenleben fern. Er faßte mich am Kinn und streichelte mein Haar. „Sei mein braves, starkes Mädchen. Die Schwachen kriechen stets zu Kreuz, wenn die Schicksalsschläge wuchtig auf sie niedersausen — ein ganzer Mensch aber, der steht aufrecht, mitten im Donnergrollen und Sturmesbrausen. — Schau’, wie der Himmel schwarz ist. Wir bekommen wieder Schnee. — — — Und jetzt sprechen wir von heiteren Dingen“, setzte er mit einer Art Galgenhumor hinzu. „Was würde Dir denn zu Weihnachten eine Freude machen? — — Weißt Du, an was ich dachte? Eine kleine hübsche Reisetasche. Die kannst Du sehr gut brauchen, wenn Du“, — — seine Hand zitterte in der meinen und ein Ausdruck von Schmerz huschte über sein Gesicht. „Es ist nichts. Nur ein leichtes Unbehagen, wie ich es in den letzten Tagen öfters verspürte. Das vergeht“.

„Und davon hast Du gar nichts gesagt!“

„Wozu denn? Solange man nicht ins Bett muß!“ Ein Schüttelfrost überkam ihn bei diesen Worten, daß die Zähne aufeinanderschlugen.

„Du hast Dich wahrscheinlich erkältet.“ Meine Stimme klang unsicher. „Und es ist noch so weit nach Hause.“

Da bog, wie gerufen, ein Schlitten in die Allee ein, und ich erkannte auf den ersten Blick Vincenz, der einen kurzen Urlaub genommen, um uns in Steindorf zu überraschen. Er hatte sofort die Sachlage begriffen und drängte uns, rasch einzusteigen. „Es ist nichts von Belang, aber Sie müssen vorsichtig sein. Die Influenza grassiert gerade jetzt, und wenn man die Pflege zu Beginn vernachlässigt, kann es die schlechtesten Folgen haben.“

Nach einigem Sträuben legte sich Papa zu Bett, und wir leisteten ihm Gesellschaft. Er blätterte in seinen Einschreibbüchern, und es berührte mich peinlich, als er bemerkte: „Wirklich große Auslagen, das Trinken und das Rauchen. Eine schlechte Gewohnheit; es könnte vielleicht in Zukunft wegfallen.“

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