„Meine arme Mimi, ich kann Dir nicht verhehlen, daß es schlecht, sehr schlecht steht mit Papa. Ich habe Deiner Mutter telegrafiert: sie kann in ein paar Stunden da sein.“ Vincenz war blaß und erregt. „An Wunder glauben wir ja Beide nicht. — Doch jetzt geh’ Dich etwas auszuruhen, Du brauchst neue Kräfte.“

Ich vermochte mich in der Tat kaum mehr auf den Füßen zu erhalten. Vier Nächte lang gewacht — das nimmt her, wenn man es nicht gewöhnt ist. Ich versuchte zu schlafen, doch es gelang mir nicht. Unstät irrten meine Gedanken umher, bis sie beim Worte „Wunder“ Rast machten. Und wenn doch — — aber ich konnte ja nicht mehr beten. — — Versuchen! Ich faltete mechanisch die Hände und murmelte halblaut vor mich hin: „Sei gegrüßt, Du Königin, Mutter der Barmherzigkeit“. Und plötzlich lag ich auf den Knien, und, das Gesicht auf die Hände gestützt, fielen mir die Worte ein; sie strömten mir von den Lippen, ein unaufhaltsam sprudelnder Quell, und mit ihnen kehrte der alte Kinderglaube wieder.

Es war dunkel im Zimmer: matt flackerte das Feuer im Kamin, bis es erlosch. Ich lag noch immer in derselben Stellung und beschwor Maria, mir zu helfen. „Du kannst nicht so grausam sein, Du Gute, Gnadenreiche. Erhalt’ ihn mir am Leben. Maria hilf, und ich will Dir’s ewig danken. Meinen Zopf, auf den ich so eitel bin, bring’ ich Dir zum Opfer — nur erhöre mich. Ich hab’ ja so viel gut zu machen, da ich ihn bis jetzt so falsch beurteilt. Auch fromm sein will ich wieder, Maria hörst Du?“

„Mimi, Mama ist da. Willst Du nicht hinunter?“ Tante Laura kam mich fragen. Sie hatte längst verziehen und pflegte ihren Bruder mit rührender Sorgfalt.

„Tante, steht’s sehr schlecht?“

„Mut, Kind!“, und sie drückte mir die Hand.

Tiefe Stille herrschte im Krankenzimmer. Großmama saß da mit gefalteten Händen, den Blick auf das Kruzifix an der Wand geheftet. Sie sagte leise Gebete vor sich hin, und ab und zu entrang sich ein tiefer Seufzer ihrer Brust. Mama kauerte mit scheuer Miene in einer Ecke, die Augen halb geschlossen. Auch die Übrigen schwiegen.

Papa saß mehr im Bette, als er lag. Sie hatten ihm Kissen untergeschoben, um ihm das Atmen zu erleichtern. Als ich zu ihm trat und ihn flüsternd frug, ob ich etwas für ihn tun könne, machte er eine sichtliche Anstrengung zu sprechen, aber es war nur ein undeutliches Lallen. Er hatte den Mund geöffnet, und die Hände begannen ein unheimliches Spiel auf der Decke. Wie abgemagert sie waren in den paar Tagen, und wie weiß! Und wie kalt sie sich anfühlten, wie eisig kalt. Wenn das das Ende wäre, oder die Agonie! Ich verlor alle Selbstbeherrschung, umklammerte ihn schluchzend und beschwor ihn, nicht zu gehen, mich nicht zu verlassen. Ich küßte ihm den kalten Schweiß von der Stirne, streichelte seinen Kopf, befahl ihm, zu bleiben. — Ich hatte ja gebetet — ich erwartete das Wunder. — Da, er atmete tief auf, immer rascher — das war vielleicht das wiederkehrende Leben — rascher — aber so seltsam, so unregelmäßig, ein gequältes, mühsames Röcheln. — Er rang nach Luft, schnellte in die Höhe, als ob jemand ihn mit ungeheurer Kraft emporrisse; dann gellte ein Schrei durch das Gemach, so klagend, so unbeschreiblich schmerzlich, seine Züge verzerrten sich wie im Krampfe, dann fiel er schwer zurück. Noch ein letzter, schwacher Atemzug, und es war vorbei.

Das hab’ ich lange nicht begriffen.

Mama geberdete sich wie eine Wahnsinnige, tobte und jammerte. Großmama drückte einen langen Kuß auf das wachsbleiche Gesicht ihres Lieblings. „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen — er weiß am Besten, was er tut.“ Dann gieng sie zur Schwiegertochter, und ihr die Hand hinhaltend: „Ich denke Helene, in einem solchen Moment vergißt man allen Groll“, und nun umarmten sich die Beiden.