In leisen, feinen Schlägen verkündete die Wanduhr die zwölfte Stunde. Die Kerzen waren herabgebrannt und warfen dunkle Schatten über das marmorne Gesicht des Toten, über das nun tiefe Ruhe ausgebreitet lag. So schön, so mild war er mir früher nie erschienen. Das rötlichblonde Haar hob sich wie Gold von der blaßen Hautfarbe ab und die Hände lagen wie zum Gebet verschränkt, auf der Brust.

„Wie zufrieden er aussieht, Mimi“, sagte die Großmama. „Der liebe Gott meint es recht gut mit ihm. Dort droben ist’s ja viel, viel schöner — da finden wir uns Alle wieder: da gibt es keinen Abschied.“

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Ein schwarzverhangenes Zimmer, in dem es so still ist, so schaurig still. In der Mitte steht der erhöhte Catafalk, neben dem in riesigen Kandelabern Wachskerzen brennen. Kränze auf dem Boden und an der Wand, Kränze, wohin der Blick fällt. Und in all’ den Blumenaugen steht die stumme Klage um zu früh entflohenes Leben. Sie seufzen und ihr duftender Atem vermengt sich mit dem Geruch der Wachskerzen, mit der dumpfen Moderatmosphäre des Todes. O dieser Geruch, er verfolgt Einem, man wird ihn nicht los, wohin man auch flieht.

Tränen und Seufzer — — kein Sonnenstrahl, kein lautes Wort.

„Wie eng und kalt Du es nun hast, mein armer Papa. Könnt’ ich Dir nur etwas Gutes tun, Dir noch einen letzten Liebesdienst erweisen! Du schweigst. Wo bist Du? Weshalb hast Du uns verlassen? — — Du bist wirklich tot? — Ja, tot!! Du wirst mir kein einziges Wort mehr sagen — — ich faß’ es nicht — — — mir ist, als müßte im nächsten Augenblick die Thür aufgehen, und dann kommst Du herein und wir plaudern miteinander aber viel inniger, viel zärtlicher wie früher. Ich küsse Deine Hand, o sie ist eisig kalt, wie eine Geisterhand, — — Dein Gesicht, so mager und — — die goldenen Haare — — nein, Du warst anders, aber ich seh’ Dich immer so vor mir. — Nein, laß mich, geh, berühr’ mich nicht. — Ich fürchte mich, wenn Du mich holst. — — Es ist so schwarz, so dunkel, ich will nicht sterben, nein, ich will nicht — ich — o — — —“

Ich lag mit heftigem Fieber danieder und als ich die Besinnung zurückerlangt, standen Tante Laura und Vincenz an meinem Bett. Sie nötigten mich zu essen, da ich in den letzten Tagen kaum ein paar Bissen genossen. Ich durfte auch nicht mit zum Begräbnis: sie wollten mir Gesellschaft leisten, die Beiden, die nun meinem Herzen am nächsten standen. Vincenz suchte meine Gedanken von dem traurigen Ereignis abzulenken: er erzählte mir dies und das, versuchte zu lächeln, aber es mißlang ihm kläglich. Dann ergriff er meine Hand, hielt sie vor seine Augen und weinte, wie ein Kind: „Das war mein bester Freund — trotz Allem — ein goldenes Herz. Ja Mimi, ein harter, entsetzlicher Schlag“, und sein Gesicht überzog sich mit fahler Blässe. „Vincenz, was ist Dir?“ Er war sich mit der Hand an die Brust gefahren. „Bitte Wasser. So. Nur ein momentaner Schwindel.“

Großmama, dicht verschleiert, setzte sich zu mir und sprach in überaus gütiger Weise auf mich ein. „Wir fahren jetzt nach Sahning — ich werde Deinem guten Papa einen Gruß bringen. Glaub’ mir, Mimi, er schaut immerfort auf Dich herab, er hat Dich ja so lieb gehabt und wenn Du brav und fromm bist, freut er sich.“

Das Thor wurde mit polterndem Geräusch geöffnet; ich hörte schwere Männertritte, undeutliche Stimmen — Schlittenschellen — und jetzt läuteten sie auf dem Schloßturm — ja, es war der tiefe klagende Ton unserer alten Glocke, immer neue tönten mit, von nah und fern — aus allen Ortschaften. — „Bim—bam, bim—bam“, so klang es mir unaufhörlich in den Ohren und doch hatte sich der ernste Zug schon seit geraumer Weile in Bewegung gesetzt.

„Du wirst Dein Steindorf nie wiedersehen. Leb’ wohl, leb’ wohl für immer!“