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Wie traurig gähnten mir die schon halbgeleerten Laden entgegen und jedes einzelne Ding erinnerte mich an den Verstorbenen. Wie genau hatte er in seiner peinlichen Ordnungsliebe darauf geachtet, daß jedes Stück an seinem bestimmten Platz zu liegen kam und allen, selbst den wertlosen Gegenständen ein erläuterndes Zettelchen beigelegt. Und jetzt dies Durcheinander! Die Liste aller Jener, die ein Andenken begehrten, nahm kein Ende und es hieß auf specielle Wünsche Rücksicht nehmen.

Des Nachts fuhr ich häufig erschreckt zusammen. Mir war, es lege sich eine kalte Totenhand auf mein Herz, und in den Möbeln krachte es. Dann rief ich Tante Laura und schmiegte mich fest an sie, bis ich ermüdet Schlummer fand. Mama steigerte meine Erregung, indem sie mir ihre Träume und Visionen schilderte, Karten aufschlug, und das Traumbuch zu Rate zog. Ich hatte ihr Bücher aus der Bibliothek gebracht, aber sie las kein einziges. Sie gähnte fortwährend und sah nach der Uhr, worauf sie regelmäßig bemerkte: „Erst: ich dachte, es sei schon viel mehr.“ Erst bei unserer Rückkehr nach Wien taute sie ein wenig auf. Wir bezogen eine andere Wohnung und das Ordnen und Einrichten schien sie zu zerstreuen. Sie zeigte neues Interesse für den Haushalt und verwandte große Sorgfalt auf ihr Äußeres. Keine Spur mehr von der früheren Vernachlässigung und das stand ihr vorteilhaft. Wenn wir auf der Gasse giengen, wandten sich die Leute nach ihr um, und wenn wir Bekannten begegneten, hieß es stets: „Sie sehen brillant aus Baronin; wirklich man könnte Sie für Schwestern halten.“ — Mama lächelte dann vergnügt in sich hinein, schnürte sich noch fester und ließ sich noch gewagtere Hüte machen.

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Die Trauerzeit war um, und ich hatte das achtzehnte Jahr erreicht. Mama, deren lauter Jammer sich in kürzester Zeit überlebt hatte, vermochte die Sehnsucht nach Abwechslung nicht länger zu unterdrücken.

Wir giengen also in die Welt. Davon hatte ich mir nach den bisher gelesenen Romanen eine ganz andere Vorstellung gemacht.

Bei den „jours“ herrschte ein so steifer, ungemütlicher Ton, als träte man bei der pompe funèbre ein, und die Soireen waren nicht viel anders. Man würgte gezwungen eine Tasse Thee hinunter, aß ein Stückchen Sandwich und sprach so leise, als fürchte man seine eigene Stimme zu hören. — Man hatte sich eben nichts zu sagen, und wenn es ab und zu lebhaft zugieng, so war gewiß das Capitel der médisance aufgeschlagen worden. Ich mußte stets an eine Uhuhütte denken. Von Nah und Fern stürzen sich die kecken Vögel auf das wehrlose Tier, rupfen und picken ohne Unterlaß. Keins will zurückbleiben, und Jedes meint, etwas Besonderes vollbracht zu haben, wenn es gehörig losgefahren. Und wie bald war man über die Grenzen der harmlosen Stichelei hinaus!

Einmal — ich erinnere mich noch sehr genau daran, — bildete eine Skandalgeschichte in allen Salons das Tagesgespräch. Es waren nicht bloß „Klatschschwestern“, die sich daran beteiligten, — im Gegenteil — die Herren der Schöpfung nahmen womöglich noch regeren Anteil.

„Comtesse X von Herrn N. N. entführt.“ In Kürze war die Geschichte folgende: Das junge, ziemlich exaltierte Mädchen hatte die Bekanntschaft eines eleganten, geistreichen Causeurs gemacht und sich sterblich in ihn verliebt. Die Eltern wollten von der Sache nichts wissen, und eines schönen Tages war das Pärchen verschwunden. Man fand es nach längerem Suchen in einem Vorstadthôtel, und zum Überfluß stellte sich heraus, daß der Betreffende ein verheirateter Mann war, der Weib und Kind verlassen, aus Speculation auf das Vermögen der Kleinen.

„Unerhört. So ein Fratz! Sie hat sich in der guten Gesellschaft unmöglich gemacht. Man müßte ihr ja die Türe weisen.“