Wie da die Köpfe zusammengesteckt wurden, wie die Augen leuchteten und jeder Einzelne vor Begierde brannte, noch ein klein wenig mehr zu wissen, als die Andern, noch ein paar pikante Details hinzuzufügen.
Ich sah mich im Kreise um. War denn da Keiner, der ein Wort der Entschuldigung, des Mitleids fand, Keiner von denen, die als gute „Freunde“ im Hause der Gräfin verkehrten? — Nein. — Es war erbärmlich, ekelhaft feig. Wie konnten sie nur in ihrem Innern so schonungslos verdammen? Weshalb also schwiegen sie, weshalb wagten sie nicht, frei ihre Ansicht zu bekennen? Fühlten sie sich selbst so fleckenlos?
Mein Herz begann so heftig zu pochen, daß ich es bis in den Hals hinauf spürte, und die Fingerspitzen zuckten mir. Mit einer Festigkeit, die mir sonst nicht eigen war, trat ich auf Mama zu und sagte: „Gehen wir“.
„Nein, ich möchte noch bleiben.“
„Gut, so geh’ ich allein.“
Die Nebensitzenden waren aufmerksam geworden, und die Hausfrau lenkte begütigend ein: „Was haben Sie denn, liebes Kind? Freilich, die Klostererziehung! Da kommen Einem eben solche Dinge befremdend vor. Man muß sich an Manches erst gewöhnen; mir gieng es ebenso.“
„Ich werde mich an gewisse Dinge nie gewöhnen. Irren ist menschlich. Man kann bedauern, aber nicht verdammen. Wer kann wissen, ob er in genau denselben Verhältnissen nicht ebenso gehandelt hätte?“ Tiefes Schweigen. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, teils mit Staunen, teils mit überlegener Ironie; ich ließ mich aber nicht beirren. „Wenn Sie einen Blutstropfen sehen, werden Sie ohnmächtig, — daß aber hier ein Opfer unter Ihren Händen verblutet,“ .... Mama zog mich am Ärmel und murmelte ein paar entschuldigende Phrasen: „Sie ist so leicht erregt, aber sie meint es nicht so“. Zu Hause aber erklärte sie mir ohne Umschweife, daß sie einen weiteren Verkehr mit Dr. Vogler nicht mehr dulde. Sie wisse schon längst, daß er mir diese verrückten Ideen in den Kopf setze, und bedanke sich dafür, daß ich sie vor aller Welt lächerlich mache.
„Also Papas Freund willst Du die Türe weisen?“
„Ja, sonst erleb’ ich auch noch eine Geschichte, wie die Gräfin X. Du bist ja so schon ganz vernarrt in den kranken Menschen. Was denkst Du Dir denn eigentlich dabei? Will er Dich vielleicht heiraten, dieser Ritter von Habenichts?“
„Ich bitte Dich, laß es genug sein. Du könntest es bereuen. Du weißt, Steindorf steht mir jederzeit offen.“