Sie schien meinen Widerstand zu fürchten und versetzte ruhiger: „Es ist schrecklich mit Dir. Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen.“

„Solange es bloß meine Person betrifft, ja. Aber über Leute, die hochzuschätzen, die zu verehren ich allen Grund habe, lasse ich nun einmal nichts kommen.“

„Aber Deine Mutter kann doch Bedenken äußern, wenn es sich um so Wichtiges handelt. Dein Wohl liegt mir ja doch am Herzen“, und sie begann zu weinen.

„Aber ich bitte Dich.“ Ihre Tränen ließen mich kalt und ich fand kein versöhnendes Wort. Mit einemmale sollte ihr mein Glück am Herzen liegen! Weshalb war ihr das nicht früher eingefallen? — Wie töricht handelt doch das Schicksal, wenn es mit den festesten Banden Solche verknüpft, die sich so weltfern sind!

Das Argument: „Weil es die Mutter ist“, genügte mir nicht. Ich habe überhaupt nie Menschen aus purem „Verwandtsschaftsgefühl“ geliebt, sie immer nur nach persönlichem Wert und Verdiensten taxiert. Daran, daß man dieselben Vorfahren besitzt, aus ein- und derselben Familie stammt, ist ja am Ende nichts so Anerkennenswertes.

Ich hatte mit Vincenz über diesen Punkt gesprochen, und er teilte meine Ansicht.

Daß die Eltern ihre Kinder lieben ist nur zu begreiflich: der natürlichste Egoismus. Daß sie das hilflose Würmlein hegen und pflegen, es mit allem Nötigen versehen, das begehrt die Stimme der Natur, die will, daß man sein Fleisch und Blut hochhält. Das ist eine kleine Abtragung der riesigen Verantwortung, die mit dem Augenblick beginnt, wo man einen Menschen in die Welt setzt. Die Tatsache, daß uns die Eltern das Leben gegeben, verpflichtet durchaus nicht zu Dank. Sie tun es ja doch nicht aus Liebe zu den Ungeborenen! Wie viele elende, erbärmliche Existenzen gibt es, die lieber nie das Licht des Tages geschaut hätten. Im Grunde genommen, stehen die Eltern, so seltsam es auch klingen mag, in der Schuld ihrer Kinder. Das eigentliche Verdienst beginnt erst, wenn im kleinen Geschöpfe das Denkvermögen, das bewußte Gefühlsleben erwacht. Dann heißt es den engen Ideenkreis erweitern, lehren, Interesse am Guten, Schönen wecken, aus dem Schatze der Erfahrungen mitteilen, raten, und erklären. Die Liebe soll ihre Wurzel weder in der Furcht, noch im bloßen Schicklichskeitsgefühl haben — sie soll Bedürfnis sein, unwiderstehlicher Drang. Glücklich jene Eltern, die das begreifen — sie ziehen sich Freunde heran.

Und was hatte meine Mutter getan? Meine Erziehung Andern überlassen, weil es so bequemer war. Nie das geringste Bestreben, mir etwas von den Dingen beizubringen, deren man im Leben so nötig bedarf. — Das hätte sie aus ihrer Ruhe gebracht, folglich kam es gar nicht in Betracht. Sie selbst besaß weder Sinn noch Verständnis für die weltbewegenden Fragen, keine Interessen höherer Art, keine Ideale. Wenn ich bisweilen an solche Dinge rührte, versetzte sie mit erstaunlicher Offenheit: „Das ist fade, davon versteh’ ich nichts: es ist mir zu hoch.“ Und nicht genug daran, jetzt wollte sie mir auch den Einen rauben, der mich begriff. Ich trug übrigens den Sieg davon. Es blieb ihrerseits bei der Drohung und Vincenz kam nach wie vor. Doch unser schönes Verhältnis war getrübt — die beständige Anwesenheit Mamas legte uns einen Zwang auf: wir fühlten uns beobachtet und die mißtrauischen Blicke einer Dritten wirkten wie ein eisiger Wasserstrahl.

Und warum das Alles? Die Zeiten ändern sich: die Liebe sinkt im Werte. Heutzutage gilt nur mehr das Geld. Er war eben „keine Partie“, mein Vincenz.

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