Der erste Ball! Freute ich mich darauf oder nicht, ich hätte es nicht zu sagen gewußt. Die Friseurin macht mir Complimente und der Spiegel auch. Das weiße Illusionkleid mit den Maiglöckchenguirlanden steht mir gut: ich kann mich sehen lassen.

Als ich aber den hellerleuchteten Ballsaal betrete, beschleicht mich solche Bangigkeit, daß ich am liebsten auf und davon möchte! Das Licht, die Edelsteine, das eigenartige Parfum, es hat eine betäubende Wirkung. Schöne Frauen, zarte Farben, berauschende Musik. Ich muß ans Feenmärchen denken, wo es plötzlich lebendig wird, wo im verwunschenen Garten die Blumen durcheinanderwandeln, singen und klingen.

„Also doch Cousine, ich dachte schon, Du hättest es Dir überlegt und kämest nicht mehr. Nun, wie gefällt es Dir?“ — „Oh pardon!“ — da er einer Dame auf die Schleppe getreten. Er blickte ihr nach: „Reizend.“

„Kennst Du sie, Robert?“

„Nur vom Hörensagen. Eine Ausländerin. Fabelhaft reich, soll Millionen haben, — aber kühl bis ans Herz. — Hier, erlaube, daß ich Dir meinen Kameraden, Grafen Scheuregg, vorstelle — entschuldige, ich muß fort, ich bin für den Walzer engagiert.“

Mama gesellte sich zu einer Schaar bekannter Damen, und Roberts Freund gab mir den Arm. „Haben Sie heuer schon viel mitgemacht? Nein? Schade. Hatten ein paar sehr fesche Tanzereien.... Sechsschritt oder gewöhnlichen Walzer?“

„Ich weiß nicht.“ Ich hatte tatsächlich nie einen Schritt getanzt und keine blasse Ahnung von diesem oder jenem. Ich hatte mich darauf verlassen, daß ich es schon treffen würde, aber auf eine bestimmte Frage war ich nicht gefaßt. Dabei kam ich mir so ungeschickt vor: die Klosterschüchternheit erfaßte mich: ich hielt den Blick beharrlich gesenkt, tanzte elend und wünschte mich weit, weit weg. Ich glitt meinem Partner fortwährend aus dem Arm, und er hatte alle Mühe, mich festzuhalten. Der Atem gieng mir aus; ich brachte kein Wort hervor, als er mir eine Frage stellte, und hatte doch nicht Mut genug, ihn zu bitten, mich auf meinen Platz zu führen. Die Leute traten mir auf die Füße, und mir wurde schwindlig. Ich rastete ein wenig. Es kamen noch Andere. Jeder tanzte gewissenhaft seine Pflichttour ab, jeder sagte mir dieselben abgedroschenen Dinge in den Pausen. Man führte mich ans Büffet, gab mir Blumen, murmelte „allerliebst“. Und doch fühlte ich mich steinunglücklich; der Boden brannte mir unter den Füßen. Ich flüchtete in einen verlassenen Winkel und von mitleidigen Palmen halb verdeckt, stellte ich meine Betrachtungen an.

Mama wirbelte am Arm eines schwarzen Offiziers vorbei, strahlend, entzückt. Und all’ die Andern bewegten sich so frei und unbefangen. Sie lächelten, machten so fröhliche Gesichter, daß man meinen mußte, sie unterhielten sich. Wirklich? — Daran also finden die Menschen Vergnügen? Nun denn, dann hatte ich eben mit der Menge nichts gemein. Nein, wahrlich, nach dem Lorbeer einer Ballkönigin dürstete mich nicht.

„Vincenz!“ Meine Gedanken flogen in das kleine Zimmer, das er mir beschrieben. Dort saß er am Schreibtisch, bis spät in die Nacht hinein in seine Bücher vertieft. Ab und zu wirft er wohl einen Blick auf mein Bild, auf die Braut, die niemals sein Weib wird. Er will es nicht: „Kranke Menschen handeln gewissenlos, wenn sie heiraten“. So werd’ ich verblühen, hinwelken, denn mein Gärtner pflückt mich nicht.

Die Kehle wird mir trocken, die Lider fallen mir schwer über die Augen; ich höre noch Roberts meckerndes Lachen, dann schlafe ich ein.