Ein leichter Schlag auf meine Schulter, und ich fahre aus meinen Träumen auf. Mama steht vor mir, glühend, noch erhitzt vom Tanz, und merkt nichts von meiner Verstimmung: „Es ist gut, daß Du Dich abkühlst; wir fahren bald.“ Als aber ein Offizier heranhüpft und mit unwiderstehlicher Miene bittet: „Nur noch eine Tour, Baronin“, läßt sie sich neuerdings entführen. Es folgte noch gar manche Tour. Der Morgen lugte bereits farblos durch die Bogenfenster, und das Orchester spielte träge — als „Baronin Mutter“ ausgetanzt hatte.
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Ein dünnes, schwarzes Büchlein. Ich habe es in Papas Lade gefunden und an mich genommen. Jetzt begreife ich so Manches! Du armer Toter! Du hast meine Mutter geliebt: Du, hast Dein warmes Herz an einen Marmorfelsen gebettet, bis es erstarrt. Immer mehr entfremdete Dich das schale, oberflächliche Wesen Deiner Frau, und dann kehrtest Du zu Emilie zurück: dann hast Du bei der Toten gesucht, was Dir die Lebende versagt.
Welch’ tiefes, reines Gemüt sich in seinen Gedichten offenbart. Einer strengen Censur hätten sie kaum Stand gehalten, aber ich fand sie unvergleichlich schön. Eine förmliche Chronik seiner Liebe. Das zagende, halb unbewußte Erwachen, die Unsicherheit, die Zweifel am eigenen Glück, das allmähliche Anwachsen der Flut, das wilde, rücksichtslose Aufschäumen. Das ganze „Ich“ gerät in Aufruhr, eine neue Welt ersteht den Zweien, die außer sich nichts sehen, eine Welt so zauberumflossen, so traumhaft schön, daß das Jauchzen auf den Lippen erstirbt und Tränen in den Augen schimmern: „Zu viel, zu viel“. — Da ein Krach, ein Getöse mitten in die wonnevolle Lenznacht, ein jähes Aufleuchten, plötzliche Finsternis — eine öde Wüste ohne Ende und im Sand ein Grabstein, darauf geschrieben steht: „Vorbei“.
„Emilie.“ Ich betrachte das Miniaturbild und kann mich nicht losreißen von dem bezaubernden Gesicht. So jung und morgenfrisch, so blendend schön — und fort zu müssen — mit ewig ungestilltem Sehnen. — —
Mama unterbrach meine Betrachtung: „Glaubst Du, daß Oberst von Bittau mir einen Antrag machen wird?“
„Ja, das weiß ich wirklich nicht. Denkst Du daran, zu heiraten, jetzt schon, so bald nach — — —“
„Immer diese übertriebenen Sentimentalitäten! — In meiner ersten Ehe hab’ ich nur Böses erfahren; ich möchte auch einmal das Leben von der angenehmen Seite kennen lernen. Oder soll ich vielleicht warten, bis ich alt bin und mich Keiner mehr nimmt? Ich finde das sehr sonderbar. — — — Der Oberst“, fuhr sie fort, „ist sehr vermögend, hat eine Stellung und ich — gefalle ihm.“ Letzteres mit gretchenhaft-verschämtem Blick. „Er sagte mir, daß ich einen selten kleinen Fuß habe und unergründliche Nixenaugen.“ In dieser Art gieng es fort. Wahrlich, ich gönnte ihr den Triumph, aber es irritierte mich über die Maßen, daß sie so wenig fond und Geist besaß, um so „naiv“ zu sein. Und Papas Bild blickte uns so traurig an, als wollt’ es sagen: „So bald vergessen? So bald schon? Ich dacht’ mir’s wohl.“
„Sie aber blieb unerbittlich. Sie baute Luftschlößer und malte sich ihre zukünftige Existenz bis in die kleinsten Details aus. Sie würde Equipage haben und zweimal wöchentlich empfangen — in weißen Glacéhandschuhen.“
„Aber das sind doch nur Nebensachen.“