„So, also mein Glück ist Nebensache?“ Sie gieng mit erregten Schritten im Zimmer auf und ab. „Wann endlich wird man mich in Ruhe lassen? Ich bin doch kein Kind mehr“ und sie pflanzte sich vor mir mit der Miene einer Prophetin auf: „Und ich werde doch heiraten.“
„Natürlich, wie Du willst. Ich gehe dann nach Steindorf.“
„Meinethalben. Übrigens wäre es klüger, Du bliebest bei uns. Wir würden ein großes Haus machen und trachten, daß Du einen Mann bekommst.“
Jetzt war es aber zu Ende mit meiner Geduld. „Gib’ Dir deshalb nur keine Mühe. Ich teile gar nicht Deine Ansicht, daß es das höchste Glück ist „einen Mann“ zu finden. Auf den Heiratsmarkt lasse ich mich nicht schleppen, da mußt Du schon allein gehen.“
„Du abscheuliche Person! Das hat man davon, wenn man es gut mit Dir meint. Du wirst mich noch ins Grab bringen.“ Ein paar Staffagetränen, gerungene Hände, zugeschlagene Thüren, damit endeten in der Regel unsere unerquicklichen Diskussionen.
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Mama, im Banne ihrer fixen Idee, ließ uns mehr Freiheit. Wir lasen und plauderten miteinander wie in alten Zeiten und doch schwebte unheildrohend über unserem Glücke eine dunkle Wolke. Wenn sich unsere Hände berührten, zuckten wir zusammen und wenn er seine leuchtenden Augen in die meinen senkte, durchlief es mich heiß. — Unsere Liebe hatte jenen Grad erreicht, wo die Sehnsucht nach dem Besitz erwacht und wir wußten Beide, daß wir einander nie gehören durften.
Vincenz Leiden hatte sich verschlimmert und dazu kam, daß er sich aufrieb im Kampfe zwischen Pflicht und Leidenschaft. — Er suchte mich zu täuschen, konnte aber nicht verhindern, daß er oft jählings erbleichte und nach Atem rang.
Diese bösen Symptome machten mir große Angst. Ich beschwor ihn, seine Praxis aufzugeben, sich eine zeitlang zu schonen und in einem wärmeren Klima Heilung zu suchen. Lange sträubte er sich gegen diesen Plan — die Idee einer Trennung schien ihm unerträglich, aber schließlich gab er nach.
„Weißt Du noch Mimi, wie Du betetest um meine Gesundheit? Damals in der Kapelle. Ich war tief gerührt. Jetzt stehen die Dinge anders. Du warst eine gelehrige Schülerin: es werden Dir’s Wenige nachmachen. Und glaubst Du, verdiene ich einen Vorwurf, daß ich Dir Licht und Erkenntnis brachte?“