„Du nahmst mir einen Halt, Vincenz und anfänglich schien es mir grausam. Jetzt bin ich Dir dankbar, daß Du das Wahngespinnst zerrissen und mir die Wahrheit gezeigt hast.“

„Ja, es war nur der erste Schritt, der Dir schwer wurde. Aber dann muß es Dir wie eine Erleichterung geschienen haben. Früher, da führten sie Dich am Gängelband, da durftest Du nicht rechts und nicht links sehen. Immer gradaus hieß es marschieren, und keine von den Blumen pflücken, keine der Früchte brechen, die Dir so verführerisch entgegenwinkten. — Jetzt darfst Du Dich frei bewegen und beiseite schleudern, was sich Dir hemmend in den Weg stellt. — Jeder Grashalm, jeder Käfer erzählt Dir eine Geschichte und jedes neue Blatt im Buche der Natur enthüllt Dir große Wunderdinge. Früher Sklave, jetzt frei. — — Und um wie Vieles consequenter sind wir, als Jene, die nicht zwei übereinstimmende Erklärungen für ihre Thesen aufbringen können. Sie wissen, daß der Mensch an Gottes unerforschlichen Ratschlüssen nichts zu ändern vermag, und versuchen ihn durch Gebet und Gelübde. — Sie rufen den Barmherzigen an und preisen den Grausamen. Sie fürchten, zu hohen Genuß am Leben zu finden, sich durch irdische Gesinnung die Thore des Himmels zu verschließen: dabei beben sie vor dem Tod, obwohl gerade der sie ihrem Ziele näher bringt.“

„Ja, Du hast Recht.“

„Wir denken viel logischer. Es fällt uns nicht ein, Gnade von der „Natur“ zu erflehen, und wenn uns Böses trifft, dann ziehen wir sie auch nicht zur Verantwortung. Unsere Göttin ist viel zu erhaben, sie steht auf viel zu hohem Piedestal, um sich mit den kleinlichen Wünschen der Einzelnen zu befassen. Lächelnd oder zürnend, handelt sie nach ewigen Gesetzen, stets das Ganze im Auge behaltend. Sie schafft mit Feenhänden und zertrümmert mit Keulenschlägen, sie ist Gott und Dämon zugleich. „Lernt mich kennen, forschet“, ruft sie uns zu „und wir entdecken täglich neue Reize an der Uralten, Ewigjungen. — Wir wissen, daß wir nur ein positives Gut, die Gegenwart, besitzen, und darum verstehen wir zu genießen.“

„Es ist wahr. Jede neue Entdeckung auf diesem Gebiet erfüllt mich mit einer Freude, die ich früher nicht gekannt. — Es kommt mir vor wie Blitze, die ins Dunkel leuchten und ich bin Jenen tief dankbar, die unser Wissen bereichern. Es ist kein unsicheres Tasten mehr auf trügerischem Boden, sondern ein ruhiges, angstloses Gehen.“

„Nun, dann kann ich mit meinem Werk zufrieden sein.“

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Robert umschwärmte seit geraumer Zeit seine Ballbekanntschaft, die exotische Marquise. Alles an ihr war eigenartig — Name, Erscheinung und auch die verschiedenen Legenden, die sich um ihr kleines, puppenhaftes Figürchen rankten. Sie war Spanierin von Geburt, nach dem fernen Westen übersiedelt, und man faselte von ihren ungeheuren Schätzen — Plantagen sagten die Einen — Goldminen behaupteten die Andern und wichen nicht von ihren Fersen.

Früher hatten nur blonde, blauäugige Frauen für ihn existiert, jetzt galt nur mehr der südliche Typus. — — Er schien allerdings etwas piquiert über die Bereitwilligkeit, mit der ich meiner Nachfolgerin das Feld räumte, im Übrigen besaß er nun zu wenig Zeit, um darüber nachzudenken. Der Kopf schwirrte ihm von Hofbällen, diplomatischen Soiréen und von seiner ersten Audienz — einem inhaltschweren Ereignis im Leben eines Lieutenants. Das würden noch sicher seine Kindeskinder zu hören bekommen, etwas ausgeschmückt natürlich.

„Ich habe mit Vergnügen gesehen, daß Sie zu unseren eifrigsten Tänzern zählen.“