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„Ja, ja die Intoleranz! Du wirst sie nirgends häufiger antreffen, als bei den unteren Schichten. Das Pharisäertum ist ein weitverbreitetes Übel. Es verursacht ein so angenehmes Prickeln, in unnahbarer Tugend die Schwächen Anderer zu verurteilen.“
„Aber da sollte doch der Pfarrer“ — —
Gewiß, als der Berufenste den Leuten ins Gewissen reden. Doch sieh’ Dich um, wer bekleidet in den Landgemeinden das Seelsorgeramt? Bauernsöhne, die sich durch das kurze Studium einen gewissen Schliff angeeignet haben, eine halbe Bildung. — Wie oft sind ihnen nicht einmal die schönsten Worte verständlich: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ — „Und“, fuhr Vincenz mit Wärme fort, „hat doch gerade dieser einzige Satz den größten Reformator aller Zeiten unsterblich gemacht. „Liebe, Nachsicht und Vergeben“; wie viel ließe sich darüber sagen. Hast Du den Schwanberger näher gekannt?“
„Seid ich ungehindert mit den Steindorfer-Leuten verkehrte. Ich hörte zu seinen Lebzeiten auch nur Lobendes über ihn. Er war ein harmloser, arbeitsamer Mensch und hatte eine kindische Freude mit seinem Haus und seinem Gärtchen.“
„Und da kam die Krankheit? Und sie wollten keinen andern Arzt, als den gewohnten. Vielleicht hätt’ ich ihm helfen können. Ja, das Mißtrauen.“
„Also seit der Zeit war er wie ausgewechselt. Die Frau erzählte mir, daß er stumm vor sich hinstarre und zeitweise vor Schmerz brülle. Es sei nicht zum Anhören.“
„Da ist’s doch nichts so Unbegreifliches, daß er sich erhenkte. — Die erste Regung, sollt’ man meinen, müßte die des Mitleids sein. Statt dessen, nicht einmal aufgebahrt.“
„Die Tante schreibt’s genau“ und wir suchten die betreffende Stelle des Briefes. „Was sie plötzlich Alles über ihn wußten. Er sei auch Keiner von den Saubersten gewesen, hätte oft die Elle zu teuer angerechnet u. s. w.“ Die Huberin konnte sich von ihrem frommen Entsetzen kaum erholen: Sie schlug ein Kreuz um das andere. „Na so a Sünd, i sags ja alleweil, wann der Mensch kein Glauben mehr hat, nachher verlaßt ’n unser Herrgott.“ Und der comble — hielte man solche Roheit für möglich? — der eigene Bruder versetzte dem Leichnam eine schallende Ohrfeige. „Da hast es für die Schand’, dies’t uns antan hast.“ Alle weichen der Witwe aus und Niemand will bei ihr kaufen. Ich hatte den Pfarrer ersucht, die Leute ein wenig zur Einsicht zu bringen, doch da kam ich schön an: „Das darf man ja nicht entschuldigen, sonst machen es die Andern nach.“
„Brillantes Argument, wirklich wahr“, bemerkte Vincenz spöttisch. „Am Ende hängt doch auch der Elendste am Leben und wenn er es von sich schleudert, muß er über alle Begriffe verzweifelt sein. — Da sollte sich dann kein Stückchen geweihte Erde — die armen Leute halten so viel darauf — finden, nicht ein paar erbarmungsvolle Hände, die den Hügel mit Blumen schmücken — ist das nicht unmenschlich?“