„Und Christus hat doch gesagt: „Richtet nicht“ — mir scheint, Du hast Recht, Jedes macht sich seine eigene Religion zurecht.“

„Das ist eben die Heuchelei. Es gibt leider so erschreckend viel Morsches in der heutigen Zeit: sowohl Menschen als Ansichten. Alles angefressen, baufällig. — Wenn jetzt der Messias käme, mit der Geißel in der Hand, seinen Tempel zu reinigen — der fände viel zu tun.“

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Beharrlichkeit führt zum Ziel. Mama hatte sich mit dem Obersten verlobt. Jetzt, da sie alle Rechte auf meine Person aufgab, freute ich mich sogar im Geheimen darüber. — Unser Zusammenleben war mir eine wahre Qual geworden. Meine Nerven rebellierten schon, wenn ich sie im Nebenzimmer hörte. — Wir Beide paßten nun einmal nicht zu einander.

Sie gab sich mit großem Eifer den Vorbereitungen für die Hochzeit hin. Mir fielen schon die Augen vor Müdigkeit zu und sie erzählte mir noch immer von ihrem Bräutigam. „Er ist so rücksichtsvoll“, versicherte sie mir „und wenn er zu den Leuten von mir spricht, sagt er immer nur die „Gräfin“. Und am Ende, man bleibt ja auch das, als was man geboren ist.“

Ich fühlte mich zu schläfrig, um ihr zu erwidern, daß ich das höchst seltsam finde. — Es ist gewissermaßen herabsetzend für den Mann. Wenn Vincenz — — dann hätte ich mich gewiß nicht „Baronin“ titulieren lassen.

„Die Wohnung wollen wir uns sehr schön einrichten,“ berichtete sie weiter, „aber ich kann doch nicht nur annehmen und nicht selbst dazu beitragen. Findest Du nicht?“

„Das weiß ich nicht. Das mußt Du doch besser verstehen!“

„Besser verstehen! Hm, das ist leicht gesagt.“ Sie zupfte nervös an ihrem Taschentuch. — — „Ich habe gehofft, Du würdest mir mehr Entgegenkommen zeigen.“

„Wieso? — Ah, Du meinst, ich soll Dir meine Einrichtung überlassen. Das kann ich aber nicht. Es ist ja jedes einzelne Stück inventarisch aufgenommen.“