„Versprich’ mir, daß Du oft an mich denken wirst.“
„Mimi, ist das wirklich nötig? Glaubst Du denn, ich könnte anders.“ Er stand auf und trat ans Fenster. „Es ist schwül, findest Du nicht?“ Dann betrachtete er mich aus der Entfernung. „Wie Du wieder hübsch bist, Mimi.“ Und plötzlich kniete er vor mir, und den Kopf in meinem Schoß geborgen, stöhnte er auf wie in namenloser Qual. Feurige Küsse brannten auf meinen Armen, meinem Hals, und er stammelte trunkene Liebesworte. — So hatte er sich nie hinreißen lassen. Ich wehrte mich nicht — es war ja Sommer — und zum letztenmal. — Dann kam ihm die Besinnung wieder. Er sah mich an mit einem Blick, in dem sich Zärtlichkeit und Mitleid spiegelte, und flüsterte: „Verzeih“. Noch ein Kuß, ein Händedruck, und ich war allein.
Da machte sich mein tapfer verhaltener Schmerz Luft. Ich warf mich auf den Boden und küßte die Stelle, auf der sein Fuß gestanden. Ich preßte meine Lippen auf seinen Sessel, da wo sein Arm geruht, und heiße Tränen stürzten mir aus den Augen. „Du mein Geliebter, kehr’ mir wieder — ich kann nicht sein ohne Dich, ich kann nicht.“
Und die Zimmer wurden schon ausgeräumt; auch dieses kam bald daran. Hier, wo wir so viel trauliche Stunden verbracht, wo unsere Geister, unsere Herzen eines waren, wo wir uns so nahe gewesen. — — Alles aus — — Alles verloren, bis auf die Erinnerung.
Mein Herz hieng doch an diesen Dingen!
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Mamas Hochzeit hatte stattgefunden, und Tante Laura zog mit mir ins Hôtel, da ich noch vor meiner endgiltigen Übersiedlung nach Steindorf Einiges in Wien zu tun hatte.
Die ganze Zeit über konnte ich ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit nicht loswerden. Es zog mich mit Übermacht zu Vincenz: dort wäre ja mein Platz gewesen — aber nur so etwas nicht! Die Satzungen der Gesellschaft hätten mich verdammt — es gibt eben Schranken, die man nicht überschreiten darf.
Dumpfe Bitterkeit erfüllte mich: zum erstenmale empfand ich Haß gegen meinen Stand. Wie beneidete ich die Armen an Geist, die Einfältigen, die als einzige Richtschnur ihres Handelns das Gefühl kennen. Ja das erste beste Bauernmädchen durfte tun, was mir versagt blieb. Zum Geliebten eilen, ihn pflegen, während so — — „o die verwünschte Krone“, — ich fuhr mir mit den Händen ins Haar, als ruhe dort das Ungetüm, als könnt’ ich es mit festem Griff erfassen, zur Erde schleudern und mit Füßen treten.
In wahrem Fieber erwartete ich die tägliche Post und wenn ein Brief kam, hielt ich ihn doch zagend und uneröffnet in der Hand. Ich befühlte, besah ihn nach allen Richtungen und las, wenn der Umschlag entfernt, vorerst nur einige Worte. Dann schloß ich mich in meinem Zimmer ein, vertiefte mich in die geliebten Schreiben, las und las immer wieder, bis ich sie auswendig konnte. Es waren stille süße Träumereien, an die wir Beide nicht glaubten und die uns doch so wohl taten, so unendlich wohl.