„Ist’s nicht töricht“, schrieb er unter Anderm, „an Dinge sich zu klammern, auf die man kein Recht hat. Ein junges frisches Reis darf sich nimmer an einen kranken Baum lehnen. Du bist der Frühling, die Jugend und Gesundheit — ich begnüge mich damit, wenn ein Strahl aus Deinem Wesen das meine verklärt. — — Es scheint mir gerade das die Weihe unseres Verhältnisses — es wird ewig Knospe bleiben, rein und unbefleckt.
Und doch, wenn’s anders wäre, anders sein dürfte! In stillen Dämmerstunden, wenn der Tag Abschied nimmt von der Erde, da mal’ ich helle Bilder. Du weißt, ich lieb’ das Licht. Mein Ideal — etwas hausbacken und altmodisch zwar, aber so lieblich, so ewigwährend. Ich bin Deine Stütze, Du mein guter Geist und meine gute Stunde. Die Tage gehen dahin so wolkenlos, so friedlich — und doch so reich.
Doch plötzlich rückt dies sonnige Bild in weite, weite Ferne. Nein, die Rose darf nur blühen, uns entzücken durch Duft und Farbe. Aber Früchte tragen, Brennholz liefern für den häuslichen Herd! Es wär’ ein unsinniges Verlangen. — — Das Unerreichbare! Mein Mädchen, wir werden uns nie gehören.“
Was das aber heißt, sich lieben und — entsagen, das vermögen nur Solche zu begreifen, die es selbst durchgemacht. — Es ist ein langsamer, aber sicherer Tod — ein Absterben bei lebendigem Leibe. — Tante Laura wußte davon zu erzählen und sie verstand mich. „Siehst Du, ich hätte Dir so gern das Leid erspart: aber es gibt Kräfte, die stärker, zwingender sind, als guter Wille. — Du siehst sehr angegriffen aus und da Dein Doktor nicht da ist, um seinen Rat zu erteilen, muß ich wohl seine Stelle vertreten.“ Sie sagte es mit ihrem sanften müden Lächeln. „Ich verordne Dir eine Praterfahrt. Komm’, der Wagen wartet schon.“
Ich tat wie sie mich hieß: die frische Luft und das heitere Treiben der Menge taten mir gut. Für Momente entriß es mich den quälenden Vorstellungen.
„Also in einer Woche fahren wir nach Steindorf?“
„Ja und bis dahin mußt Du wieder rote Wangen haben und lustig sein, denn sonst — Du weißt schon — da werden allerlei Bemerkungen gemacht und es heißt am Ende, ich hätte Dich vernachlässigt.“
„Aber Tante. — Es ist doch eine Wohltat, daß ich mit Dir sein kann, gerade jetzt. — Wenn ich denke, wie es früher war, mit Mama. Nein. Überhaupt die vergangene Zeit. — Die schönen roten Nelken. — Die muß ich kaufen.“ Ich stieg aus und nahm der Blumenfrau ab, was meine Hände fassen konnten. „Ein Duft zaubert mir bisweilen Momentbilder vor — — es hat doch auch schon schöne Stunden gegeben in meinem Leben: es wäre undankbar gegen das Schicksal, wollt’ ich es vergessen.“
Die frohe Stimmung verflog sofort, als wir das Hôtel betraten. Der Portier überreichte uns eine Depesche. „Bitte umgehend kommen. Habe Sehnsucht zu sehen: Zustand nicht unbedenklich.“
„So?“ Ich frug es in erstauntem Tone, als erführe ich da etwas, was mir im Grunde gleichgültig war. „Das heißt also „Gefahr“?“