„Wann geht der nächste Zug?“ frug die Tante. „In anderthalb Stunden.“ „Bitte ordnen Sie an, daß der Wagen bereit ist.“
Mir war, als hätte man mir einen Hieb auf den Kopf gegeben. Ich wankte die Treppe hinauf, in mein Zimmer, setzte mich, und der Kopf fiel mir schwer auf die Tischplatte. So verharrte ich minutenlang. Die Tante sprach kein Wort. Sie mochte fühlen, daß Trostesworte hier nichts fruchten würden.
Dann trat ich ans Fenster und betrachtete mechanisch das lebensvolle, lichtdurchflutete Straßenbild. Ich hörte auf das gedämpfte Murmeln und bemerkte die nebensächlichsten Dinge. Ein Dienstmann rannte an die Ecke an und ließ sein Packet fallen. Ob wohl etwas Gebrechliches darin war und was nun geschehen würde? Zwei Bekannte begrüßten sich. Was sie wohl zu einander sagten?
„Tante!“
„Was denn Mimi?“
„Glaubst Du nicht, daß er doch noch gesund werden kann?“
„Die Hoffnung darf man nie verlieren, Mimi.“
„Aber, er wird doch nicht — nicht“ — nein das Wort wollte mir nicht über die Lippen. „Oder wenn wir zu spät, — ach Gott, ach Gott, wozu, wozu das Alles?“ Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich halb verrückt.
Fort sauste der Zug durch die schweigende, laue Nacht. Vorbei gieng es an alten grauen Bergriesen, deren Häupter gespenstig zum Himmel ragten. Und ich gedachte der Fahrten nach Steindorf und zurück ins Kloster, der letzten, namentlich mit Papa. Die Tränen, der närrische Kinderschmerz — o wie gern hätt’ ich das Alles nochmals durchgemacht: wie schien es mir beneidenswert gegen diese Fahrt. Was wußt’ ich damals vom Leid und Ernst des Lebens: was waren alle meine kleinen Sorgen im Vergleich zu dem, was ich jetzt empfand.
Das Bewußtsein, daß er litt, er der Beste, Edelste war mir unerträglich. Lieber, tausendmal lieber wollte ich krank sein. — — Ich bemühte mich etwas zu finden, das ihn mir weniger liebenswert erscheinen ließe. Umsonst. Nie, nie hatte er mir auch nur ein einziges unfreundliches Wort gesagt, mich niemals wissentlich gekränkt. Ich war fest überzeugt, daß er überhaupt nicht fähig war, irgend Jemand weh zu tun. Und er, der Gute, er. — —